Zwischen Selbstständigkeit, Sicherheit und Wohnentscheidungen
Weichenstellung: Wohnform im Alter
Interview: Michel Bossart, Redaktion tactuel

Alexander Seifert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. In mehreren Studien untersucht er, wie ältere Menschen mit Sehbeeinträchtigung wohnen, welche Unterstützung sie erhalten – und warum Entscheidungen oft zu spät fallen. Im Gespräch erklärt er, weshalb frühe Weichenstellungen entscheidend sind, welche Rolle Nachbarschaft spielt und warum Altersinstitutionen Sehbeeinträchtigung stärker mitdenken müssen.
Herr Seifert, welche Wohnmodelle stehen älteren Menschen (mit Sehbeeinträchtigung) heute zur Verfügung, und worin unterscheiden sie sich mit Blick auf Selbstständigkeit und Sicherheit?
In den letzten zwanzig Jahren hat sich das Wohnen im Alter stark ausdifferenziert. Früher blieb meist nur die Wahl zwischen der eigenen Wohnung und dem Alters- und Pflegeheim. Heute gibt es zahlreiche Zwischenformen wie altersgerechte Wohnungen, Wohnsiedlungen, betreutes Wohnen oder Servicewohnen. Diese Angebote verbinden Selbstständigkeit mit Sicherheit und sind auch für Menschen mit Sehbeeinträchtigung wichtig. Gerade ältere Personen in Altbauwohnungen stossen an Grenzen, etwa bei vielen Treppen oder schlechter Beleuchtung. Ein Umzug in eine barrierefreie Wohnung mit Lift und gezielten Lichtanpassungen kann den Alltag deutlich erleichtern. Gleichzeitig kennen viele diese Wohnformen nicht, und ein Umzug fällt schwer. Ältere Menschen leben im Schnitt Jahrzehnte am gleichen Ort. Entsprechend hoch ist die Hemmschwelle, den Wohnort zu wechseln.
Weshalb ist es entscheidend, sich frühzeitig mit der eigenen Wohnsituation auseinanderzusetzen?
Trotz der vielen neuen Wohnformen entscheiden sich viele ältere Menschen sehr spät für einen Wechsel. Oft geschieht der Umzug erst nach einem Einschnitt, etwa nach einem Sturz oder einem Spitalaufenthalt. Dann bleibt häufig nur noch der Weg ins Pflegeheim, weil Alternativen nicht geprüft wurden. Wer sich frühzeitig mit der Wohnsituation befasst, gewinnt Handlungsspielraum. Man kann Optionen vergleichen und Entscheidungen bewusst treffen, statt unter Druck. Diese Wahlmöglichkeiten lassen sich später kaum nachholen, wenn sich die gesundheitliche Situation plötzlich verschlechtert.
Welcher Moment ist der richtige, sich Gedanken über die Wohnform zu machen?
Der richtige Moment ist erreicht, wenn die Wohnung zur Belastung wird. Das kann der Fall sein, wenn sie zu gross ist, Treppen mühsam werden oder das Haushalten viel Energie kostet. Auch soziale Aspekte spielen eine Rolle, etwa wenn jemand allein lebt und sich mehr Kontakte wünscht. Wichtig ist, diesen Schritt nicht erst dann zu erwägen, wenn kaum noch Kraft für Veränderungen bleibt. Ein Wohnungswechsel sollte zudem realistisch sein: Wer gut und günstig wohnt, tut sich schwer, in eine kleinere und teurere Wohnung zu ziehen. Gerade deshalb lohnt es sich, früh Alternativen zu prüfen.
Braucht es spezialisierte Heime für Menschen mit Sehbeeinträchtigung?
Bei Menschen über achtzig ist eine Sehbeeinträchtigung sehr häufig. Schlechtes Sehen gehört oft zum Altwerden dazu und ist kein Sonderthema. Deshalb liegt die Zukunft weniger in spezialisierten Heimen als in einer konsequenten Sensibilisierung regulärer Alters- und Pflegeeinrichtungen. Pflegefachpersonen müssen Sehbeeinträchtigungen erkennen und im Alltag berücksichtigen. Spezialisierte Heime bleiben wichtig für Menschen, die seit Geburt oder seit dem Erwachsenenalter stark sehbeeinträchtigt sind. Für die breite Mehrheit geht es jedoch darum, bestehende Einrichtungen sehbehindertengerecht zu gestalten und zu verstehen, warum viele ältere Menschen einen Umzug scheuen. Die Wohnung ist ein Refugium, verbunden mit Erinnerungen und vertrauten Abläufen. Diese Vertrautheit schafft Sicherheit. Sie kann von aussen manchmal träge wirken, ist aber ein legitimes Bedürfnis.
Der Age Report V beschreibt Nachbarschaft als wichtige, aber fragile Ressource. Welche Rolle spielt sie konkret?
Mit zunehmendem Alter gewinnt die Nachbarschaft an Bedeutung. Viele ältere Menschen verbringen mehr Zeit zu Hause, das unmittelbare Wohnumfeld rückt in den Mittelpunkt. Für Menschen mit Sehbeeinträchtigung kann eine unterstützende Nachbarschaft den Alltag erleichtern, etwa durch Hilfe bei Einkäufen. Gleichzeitig ist sie eine fragile Ressource. Gute Kontakte müssen meist schon vorher bestehen, denn neue Beziehungen im hohen Alter aufzubauen, ist schwierig. Bei Sehbeeinträchtigungen entstehen zudem soziale Fallstricke. Grüsst jemand nicht, weil er die Nachbarin nicht erkennt, kann das schnell als Desinteresse missverstanden werden. Ohne Sensibilisierung drohen Missverständnisse und Rückzug.
Ist Offenheit gegenüber der Nachbarschaft bei einer Sehbeeinträchtigung eher Voraussetzung für Unterstützung oder ein Risiko für neue Abhängigkeiten?
Offenheit hat zwei Seiten. Sie ist oft Voraussetzung dafür, Unterstützung zu erhalten. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass gut gemeinte Hilfe in Bevormundung kippt. Gerade bei Sehbeeinträchtigungen ist das heikel, weil sie von aussen schwer einzuschätzen sind. Sehvermögen betrifft Gesichtsfelder, Blickwinkel und Wahrnehmung. Entscheidend ist die Balance: Unterstützung dort, wo sie nötig ist, ohne alltägliche Tätigkeiten zu übernehmen, die für Struktur und Selbstwert wichtig bleiben.
Die SZBLIND-Studien COVIAGE und PROVIAGE zeigen, dass Unterstützung bei einer Sehbeeinträchtigung oft zu spät einsetzt. Wo sehen Sie die grössten verpassten Chancen durch dieses Zuwarten?
Eine zentrale Lücke liegt zwischen Medizin und Beratung. Augenärztinnen und Optiker stellen die Diagnose, vermitteln aber noch zu selten an spezialisierte Beratungsstellen für Menschen mit Sehbeeinträchtigung. Damit bleibt die psychosoziale Ebene oft ausgeklammert. Genau dort könnten jedoch Wohnformen aufgezeigt und alltagsnahe Lösungen besprochen werden. Für Betroffene heisst es häufig, medizinisch lasse sich wenig tun. Was dabei zu wenig betont wird: Es gibt Unterstützung, um den Alltag zu bewältigen und die Wohnsituation anzupassen. Klare Empfehlungen aus dem medizinischen Umfeld für den Besuch einer Beratungsstelle hätten hier grosses Gewicht, werden aber noch zu wenig genutzt.
Beratungsstellen können Bewältigungsstrategien und Wohnanpassungen früh vermitteln. Weshalb gelingt es bislang zu wenig, dieses Wissen systematisch in Wohnentscheide zu integrieren?
Ein zentrales Problem ist der Zugang. Viele Betroffene finden den Weg in spezialisierte Beratungsstellen für Menschen mit Sehbeeinträchtigung nicht. Gleichzeitig fehlt oft die Vernetzung mit allgemeiner Wohnberatung. Dabei geht es um sehr konkrete Fragen: Was ist baulich möglich, was rechtlich zulässig? Wohnentscheide werden selten allein aus der Perspektive der Sehbeeinträchtigung getroffen. Es braucht Kooperationen mit Organisationen wie Pro Senectute sowie den Dialog mit der Vermieterschaft und Wohnbaugenossenschaften. Diese systemische Vernetzung liegt weniger bei einzelnen Beratungsstellen als auf Verbandsebene.
Was bringt das neue Forschungsprojekt CAREVIAGE der FHNW?
CAREVIAGE untersucht erstmals systematisch Menschen mit Sehbeeinträchtigung in Alterseinrichtungen. Ab März 2026 wird vor Ort erhoben, wie die augenmedizinische Versorgung aussieht, ob Sehhilfen genutzt werden und wie sensibilisiert Einrichtungen sind. Auch bauliche Aspekte wie Beleuchtung und Signalisation fliessen ein. Der Erkenntnisgewinn liegt in der Kombination optometrischer Messungen mit sozialwissenschaftlichen Erhebungen zur psychosozialen Situation. Diese Verbindung gab es in der Schweiz bisher nicht. Ziel der vierjährigen Studie ist es, konkrete Empfehlungen für Alters- und Pflegeheime zu entwickeln, damit Sehbeeinträchtigung systematisch mitgedacht wird.
Mit Blick auf die bisherigen Studien: Was wäre aus Ihrer Sicht der eine entscheidende Hebel, damit Wohnen im Alter mit Sehbeeinträchtigung in der Schweiz künftig früher, einfacher und selbstverständlicher mitgedacht wird?
Entscheidend ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Ältere Menschen müssen über Wohnmodelle informiert werden, sonst entstehen Berührungsängste. Niederschwellige Angebote wie Besichtigungen können viel bewirken. Ebenso wichtig ist eine funktionierende Überweisungslogik vom medizinischen in den nichtmedizinischen Bereich. Und es braucht eine breite Sensibilisierung aller Wohnformen. Oft genügen einfache Massnahmen wie markierte Treppenstufen, gute Beleuchtung oder klare Kontraste. Diese Details sind entscheidend für den Alltag. Denkbar wäre auch ein Gütesiegel für sehbehindertengerechte Alterseinrichtungen.


