Hörbuch-Tipps

Saša Stanišić, für seinen Roman «Herkunft» mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet schreibt über die Flucht seiner Familie vor dem Bosnienkrieg. Stanišić wurde 1978 in Višegrad geboren, der Vater ein Serbe, die Mutter eine Muslimin aus Bosnien. Mit Religion oder Nationalität hatte niemand in der Familie etwas am Hut. Als auf einmal beides eine Rolle spielt und es deshalb zu blutigen Auseinandersetzungen kommt, flieht die Familie 1992 nach Deutschland. Dort muss sie allerlei Demütigungen über sich ergehen lassen. Aber Saša ist klug, hat Glück und gute Mentoren. Und längst ist er in der deutschen Sprache angekommen.

Helen Weinzweigs «Schwarzes Kleid mit Perlen» klingt vielleicht nach Kitsch, der im Original 1980 erschienene Roman entpuppt sich aber als eine eigenartige Spionage- und Emanzipationsgeschichte. Die 2010 verstorbene kanadische Autorin erzählt von Shirley Kaszenbowski, die ihre Familie verlässt, um ihrem Geliebten Coenraad rund um die Welt nachzureisen. Coenraad ist Spion einer «Agency» und hinterlässt Shirley überall geheimnisvolle Zeichen. Auch ist er immer verkleidet, so dass jeder Mann, der ihr begegnet, in Wahrheit ihr maskierter Liebhaber sein könnte. Eine komplexe Geschichte, die in eine mysteriöse, erotische Odyssee mündet.

Ian McEwan lässt in seinem neuen Roman «Maschinen wie ich» eine Variation der bekannten Vergangenheit erstehen. Die Handlung spielt im Jahr 1982, England hat den Falklandkrieg verloren, Kennedy wurde nicht ermordet und Alan Turing beging 1954 nicht Selbstmord, sondern brachte eine digitale Revolution in Gang, die die Entwicklung von Androiden ermöglichte, die den Menschen sowohl intellektuell, wie moralisch weit überlegen sind. Die Roboter sind darauf programmiert, stets die Wahrheit zu sagen, was im Graubereich menschlichen Wahrheitsempfindens zu Konflikten führt. Ihre unmenschliche Ehrlichkeit erkennt und benennt die Schwächen der Menschen und bedroht gerade dadurch das, was diese ausmacht.

• Stanišić, Saša: Herkunft
München: Luchterhand, 2019. Ausleihe: DS 47402
• Weinzweig, Helen: Schwarzes Kleid mit Perlen
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2019. Ausleihe: DS 47906
• McEwan, Ian: Maschinen wie ich
Zürich: Diogenes, 2019. Ausleihe: DS 47991

Braille-Tipp

Die Welt ist kaputt und den Menschen wird übel mitgespielt in Sybille Bergs Roman «GRM». Besonders übel erwischt es die vier Jugendlichen, Don, Hannah, Peter und Karen. Die Gesellschaft ist in zwei geteilt: eine winzige Upperclass, und eine riesige Unterschicht, ohne Hoffnung, ohne Arbeit, mit einem mageren Grundeinkommen ausgestattet. Um das bisschen Geld vom Staat zu erhalten, muss man sich allerdings einen Chip einpflanzen lassen, der jegliche Bewegung registriert: die totale Überwachung. Don, Hannah, Peter und Karen verweigern sich und fallen aus dem Raster. Sie ziehen nach London und planen einen Rachefeldzug gegen ihre Peiniger. GRM steht für Grime, eine besonders harte Version des Hip Hop. GRM ist harte Kost. Der 640 Seiten dicke Roman, getragen von einer rhythmischen Wucht und durchtränkt mit galligem Humor, gewann letztes Jahr den Schweizer Buchpreis.

• Berg, Sybille: GRM
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019. 7 Bd. 886 S. Ausleihe: BG 32453