Gutes Design und barrierefreie Kommunikation schliessen sich nicht aus. Den Beweis treten die neuen Broschüren des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen SZBLIND an.

 Von Andrea Eschbach

Kräftige Farben ohne Komplementärkontrast, eine schnörkellose, klare Schrift, linksbündiger Flattersatz und kontrastreiche Bilder: Die neuen Broschüren des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen SZBLIND sind eigenständig und freundlich in ihrer Erscheinung. Und vor allem sind sie gut lesbar. Die Druckprodukte sollen in Bezug auf die Lesbarkeit optimiert, gleichzeitig das bekannte Design etwas aufgefrischt werden. Ein wichtiges Detail: Neu wird für eine noch bessere Lesbarkeit die Frutiger 1450, eine abgeänderte Version der Frutiger, verwendet. Die Schrift entspricht der Deutschen Industrie Norm (DIN) 1450, der Norm für barrierefreies Lesen.

Die Aufgabe, ein sehbehindertengerechtes als auch ästhetisches Design zu entwickeln, übertrug der SZBLIND der St.Galler Designagentur Sags. Den vermeintlichen Widerspruch dieser beiden Ziele kommentiert Eva Hämmerle, Grafikerin bei Sags: „Diesen Spagat zu schaffen, ist schwierig, aber möglich. Wir sprechen von inklusivem Design: Design für alle“. Wertvoller Input für die Gestalter war die Website leserlich.info. „Viele der Empfehlungen haben wir schon lange in unserer Arbeit für den SZBLIND umgesetzt. Die Website ist aber eine Bestätigung, dass wir uns gemeinsam mit dem SZBLIND in eine gute Richtung entwickeln.“

Ein Regelwerk für Gestalter

Die Website leserlich.info ist Ergebnis des Projekts „Inklusives Design“, das vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) gestartet wurde. Hintergrund ist die zentrale Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention nach freier Zugänglichkeit zu Information und Kommunikation. In Deutschland leben rund 1,2 Millionen sehbehinderte Menschen, die selbst mit Sehhilfen über weniger als 30 % ihrer Sehkraft verfügen. In der Schweiz sind es rund 325’000 Menschen mit Sehbehinderung. Durch inklusives Kommunikationsdesign werden Informationen für möglichst viele Menschen – unabhängig von ihrer Sehfähigkeit – lesbar und verständlich gestaltet.

Das unter der Leitung von Florian Adler, Honorarprofessor im Studiengang Kommunikationsdesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, stehende Projekt begann mit einer umfangreichen Literaturrecherche zu Leserlichkeit von Schrift. Die darauf basierenden Empfehlungen sind in einem dreistufigen Verfahren überprüft worden – zunächst von den sehbehinderten Personen, dann von einem erweiterten Kreis an Testpersonen und schliesslich bei der Probe aufs Exempel mit dem neugestalteten Magazin „Sichtweisen“ und der DBSV-Webseite.

Zusammengefasst sind die Resultate auf der Website leserlich.info. Sie bietet neben einem umfangreichen Regelwerk Tools wie einen Schriftgrössenrechner und einen Kontrastrechner, die konkrete Masse und Farbwerte für den praktischen Einsatz liefern. Überhaupt: Die Plattform leserlich.info ist auch in Designerkreisen positiv aufgenommen worden. Und die deutsche Bundesregierung führt leserlich.info inzwischen in ihrem Online-Styleguide auf. Florian Adler fügt hinzu: „Den schönsten Kommentar erhielten wir auf dem Blog designtagebuch.de: „Ein wertvolles, ungemein erhellendes Informationsangebot … Pflichtlektüre für alle Kommunikationsdesigner“. Falls leserlich.info eines Tages tatsächlich zur Pflichtlektüre geworden ist, wären wir einen grossen Schritt vorangekommen.“

Inklusives Design nutzt allen

Inklusives Design kann in fünf thematischen Feldern zusammengefasst werden: Zeichenbezogene Faktoren, textbezogene Faktoren, Kontrast und Farben, der Umgang mit Bildern sowie Material und Oberflächen. So sind beispielsweise dynamische, serifenlose Schriften wie die Calibri oder die Verdana zu bevorzugen. Sie weisen besser unterscheidbare und offenere Buchstabenformen bei gleichzeitig geringerem Strichstärkenkontrast auf als Serifenschriften wie beispielsweise die Times. Glänzende Oberflächen beeinträchtigen durch Spiegelungen und Blendeffekte die Lesbarkeit. „Aus diesem Grund verwenden wir grundsätzlich matte Oberflächen, auch wenn auf dieser Oberfläche Bilder etwas weniger brillant wirken“, sagt Eva Hämmerle. Fotos oder Illustrationen sollten mit möglichst wenig Elementen auskommen und so in ihrer Aussage eindeutig sein. Deutliche Helligkeits- und Farbkontraste zwischen Vorder- und Hintergrund erleichtern die Orientierung und die Leserführung. Dies sind nur einige Beispiele von umfangreichen Anpassungen, welche im Zusammenhang mit dem Design-Refresh des SZBLIND getätigt wurden.

Soweit zum Thema «Zugang für Alle». Doch kann bei all diesen Empfehlungen Design auch noch ästhetisch für Sehende sein? Florian Adler erklärt: „Auch „Normalsichtige“ profitieren von gut lesbaren Informationen bei ungünstigen Sichtverhältnissen, schlechter Beleuchtung, Stress oder Leseschwächen. Inklusives Design nützt uns allen, deshalb sollten wir unsere Perspektive weiten und auf unattraktive Insellösungen möglichst verzichten“. Und Eva Hämmerle sagt dazu: „Gutes Design folgt dem Grundsatz: «der Inhalt bestimmt die Form». «Gutes» Kommunikationsdesign erfüllt für mich erst dann seine Aufgabe, wenn es funktional und ästhetisch zugleich ist.». Die Regeln einhalten und innerhalb dieser, den Spielraum ausnutzen und ein ansprechendes und eigenständiges Design erstellen: Aus dieser Prämisse heraus wurden die neuen Drucksachen gestaltet.