Braille-Tipp

Die Hauptfigur in Javier Marías neuem Roman «Berta Isla» fühlt sich «gefangen ohne Fluchtmöglichkeit». Tomás Nevinson wurde dazu erpresst, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten. In dieser Tätigkeit hat er sich ­zunehmend von seiner Frau Berta Isla entfremdet. Als Tomás auch noch in den Falklandkrieg ziehen muss, verschwindet er vollständig aus Bertas Leben. Sie wartet jahrelang auf eine Nachricht, hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, bis er offiziell für tot erklärt wird. Doch noch immer glaubt ­Berta an seine Rückkehr. «Berta Isla» changiert gekonnt zwischen Spionageroman, Ehedrama und Liebesgeschichte. Wie immer bei Javier Marías sind existenzielle Fragen eingewebt, die sich um das im Titel angedeutete, einsame Insel­dasein der Figuren drehen.
∙ Marías, Javier: Berta Isla
Frankfurt a. Main: S. FISCHER, 2019. 7 Bd. 845 S.
Ausleihe: BG 31645

Hörbuch-Tipps

Der österreichische Schriftsteller Karl Markus Gauss ist ein leidenschaftlicher Europäer. Aber anstatt uns wie bisher auf eine seiner weitläu­figen Reisen an die Peripherien Europas mitzunehmen, führt er uns diesmal auf eine «Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer». Auch hier nimmt er «Unscheinbares in Augenschein», Alltagsgegenstände, die sich bei ihm zuhause angesammelt haben, die alle eine Geschichte zu erzählen haben. Eine dichterische Erkundung seiner eigenen vier Wände, wie sie 1794 der französische Offizier und Schriftsteller Xavier de Maistre unter Hausarrest unternahm.

Auf Selbsterkundung ist auch Heinrich Übel Junior, der Ich-Erzähler in Thomas Hürlimanns neuem Roman «Heimkehr». Nach einem Unfall wacht er am Strand auf. Wie Robinson. Robinson auf Sizi­lien. Wie er dort hingekommen ist weiss er nicht mehr. Was er noch weiss ist, dass er auf einer vereisten Brücke in der Schweiz einen Unfall hatte. Zwischen Unfall und Aufwachen am Strand in Sizi­liens aber klafft ein Loch. Der «Pannenheini», wie er sich nennt, beschliesst zwar heimzukehren, verstrickt sich aber in wilde Geschichten mit ­Mafiosi und DDR-Spionen. Es verschlägt ihn nach Afrika, dann nach Berlin bevor er endlich doch nach Hause kommt. Aber «Heimkehren kann man nie mehr», muss Heinrich feststellen.

Kurz vor der Wende in der DDR spielte Lutz Seilers «Kruso». Der 2014 erschienene Roman gewann damals den Deutschen Buchpreis. Kurz nach der Wende spielt nun Lutz‘ neuer Roman «Stern 111». Berlin war kurz nach dem Mauerfall eine Insel, auf der sich alle erdenklichen Lebensformen ausprobieren liessen. Lutz stellt darin die Frage, wie mit der Freiheit umzugehen ist.

  • Gauss, Karl-Markus: Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer. Wien: Zsolnay, 2019. Ausleihe: DS 49256
  • Hürlimann, Thomas: Heimkehr; Frankfurt a. Main: S. Fischer, 2018. Ausleihe: DS 49168
  • Seiler, Lutz: Stern 111, Berlin: Der Audio Verlag, 2020. Ausleihe: DS 49444