Die Technologieriesen steigen ein

An der weltweit grössten Hilfsmittelmesse in den USA, der CSUN (Assistive Technology Conference), ging der SZBLIND auf Tuchfühlung mit den neuesten Entwicklungen von Hilfsmitteln für blinde und sehbehinderte Menschen im Bereich der Smartphones, Smarthome-Steuerungen und Augmented Reality.

Von Stephan Mörker, Leiter Fachstelle Hilfsmittel des SZBLIND

An einem Rednerpult stellt ein Sprecher von google die Neuigkeiten im Bereich Accessibility vor. Sprachausgaben von e-Books, Sprachsteuerung von Haushaltsgeräten, GPS-gestützte Mobilität und Orientierung – was vor 10 Jahren schlichtweg nur als teure Insellösungen für sehbehinderte Menschen angeboten werden konnte, bieten die grossen Technologiefirmen Google, Amazon und Microsoft heute als Standartapplikationen in ihren Smarthome-Steuerungen an. Das Thema Barrierefreiheit ist für diese Firmen ein komparativer Entwicklungsfaktor geworden, der grosse positive Ausstrahlung auf die Entwicklung von Applikationen hat, die blinden und sehbehinderten Menschen den Alltag erleichtern. Ein paar Beispiele von der Messe:

Sprachassistenten
Bereits heute kann man mit dem Sprachassistenten von Google den Kochvorgang abschalten oder die Waschmaschine aktivieren. Immer mehr mobile Haushaltgeräte (Thermomix, Mikrowellen usw.) werden angebunden und können über die Assistenten barrierefrei bedient werden. Kiran Kajan, Google-Mitarbeiter, selbst blind und verantwortlich für die Barrierefreiheit von Haushaltgeräte, sieht die Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Er weist darauf hin, dass Schritt für Schritt weitere Geräte oder Situationen ins Assistentenprogramm eingebunden werden und diese Technologie Menschen mit einer Seheinschränkung helfen kann, autonomer zu leben.

Orientierung und Mobilität
Microsoft stellte seine App Soundscape vor. Diese App soll blinden und sehbehinderten Menschen helfen, sich via 3D Sound in ihrer Umgebung besser zu Recht zu finden. Der Nutzer der App kann beispielsweise eine Strecke, die er läuft an Schlüsselstellen mit Soundpunkten versehen. Das Handy erkennt beim erneuten Laufen der Strecke, wo sich der Nutzerbefindet und spielt ihm die Sounds der Orte auf den Kopfhörer. Und zwar so, dass ein räumliches Zuordnen des Geräusches möglich ist. Befindet sich die Bushaltestelle, die mit einem Sound versehen wurde, auf der rechten Seite, wird der Ton auch auf das rechte Ohr gespielt. Die App ist ab iPhone 5S erhältlich und kompatibel mit den meisten Kabel- oder Bluetooth Stereo-Headsets. Mircosoft sucht nach Nutzern, die Ihnen Feedback auf die App geben um diese weiter zu entwickeln.

Künstliche Intelligenz
Die Möglichkeit Videocontent in Form einer Brille zu konsumieren, inspiriert auch die Anbieter von augmented Reality, ihre Brillen hinsichtlich einer LowVision-Lösung anzubieten. Etliche Anbieter haben ihre Brillen, welche mit einem Smartphone genutzt werden, vorgestellt. Es entstehen so zu sagen Lesegeräte für die Nase.

Menschliche Assistenten
Als Gegenbewegung zu den technisch kontrollierten Assistenten sticht der Anbieter aira heraus. Er bietet echte, menschliche Unterstützung in verschiedenen Lebenslagen an. Der Nutzer benützt hierfür sein Smartphone und eine Kamera, die er an seiner Brille befestigen kann. Aus dieser Perspektive kann der via Smartphone angerufene Agent der Person die nötige Unterstützung geben. Momentan ist diese Dienstleistung nur in den USA erhältlich. https://aira.io/

Hinderniserkennungsgeräte
Die Problematik ist bekannt, der weisse Stock schützt nicht den ganzen Menschen vor Hindernissen. Verschiedene Firmen haben sich in der Vergangenheit darum bemüht, den Bereich zwischen Stockgriff und Kopf durch Zusatzgeräte abzudecken. Sunuband ist ein Ultraschallgerät welches am Handgelenk getragen wird und mit oder ohne eine App genutzt werden kann. Mit der App kann das Band auch als GPS-Gerät, Kompass und als Mobiltelefonfinder genutzt werden. Wir bieten dieses Gerät ab Mai 2019 in unserem Hilfsmittel-Sortiment an.

Freizeit
Amazon stellte einen neuen barrierefreien E-Book-Reader der Marke Kindle vor, der mit einer Sprachsynthese ausgestattet ist. Weiter möchte Amazon seine Videoplattform AmazonPrimeVideo auch für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich machen. Verschiedene blinde und sehbehinderte Menschen konnten während einem Assesement ihre Erfahrungen an die Verantwortlichen von AmazonPrimeVideo weitergeben. Leider sind die Produkte von Amazon (Video und Sprachassistenten) momentan in der Schweiz (noch) nicht erhältlich.
Microsoft mit XBOX und Sony mit Playstation wagen sich heran an das Gaming für alle. In den nächsten Jahren sollte es also möglich sein, dass ein Sehender mit einer blinden Person gemeinsam ortsunabhängig Fortnite, Fifa19 oder das rasante Autorennspiel Forza spielen kann.

Fazit
Die Fachstelle Hilfsmittel des SZBLIND beobachtet den Markt der Hilfsmittel und die neuen Entwicklungen weiter mit grossem Interesse. Die CSUN war für uns eine gute Möglichkeit näher dran zu sein an den Technologieriesen wie Google und Microsoft, um in Zukunft selber auch Inputs für Entwicklungen einbringen zu können.