Dora Boller ist auf Grund einer Netzhauterkrankung vor gut 20 Jahren erblindet. Seither hat sie einen Blindenführhund an ihrer Seite. Simone Pedrosa ist seit einigen Jahren sehbehindert. Auf dem linken Auge ist sie nahezu blind und auf dem rechten leidet sie unter einem Tunnelblick, der sich seit einem Jahr stark verengt hat. Wir haben beide Frauen zu herausfordernden Situationen in ihrer täglichen Mobilität befragt.

Die Führhündin Shaia bringt Dora Boller sicher über die Strasse.
Bild: SZBLIND

Wie kommen Sie mit Baustellen auf Ihren üblichen Wegstrecken zurecht?

Dora Boller: Wenn auf dem Trottoir eine Baustelle ist, kann ich mich auf Shaia sehr gut verlassen. Sie hält an und geht automatisch auf die Strasse und dann wieder aufs Trottoir, wenn die Baustelle vorüber ist. Wenn ich an einem Ort eine grosse Baustelle antreffe und auch Shaia unsicher ist, dann warte ich, bis ich eine Passantin oder einen Passanten höre, der nicht am Handy spricht, und frage ihn um Hilfe. Leute anzusprechen, die am Handy reden, bringt nichts, das habe ich mit der Zeit auch gelernt. Wenn an der Baustelle gerade gearbeitet wird, sind auch die Bauarbeiter selber häufig sehr aufmerksam und führen mich auf den richtigen Weg.

Simone Pedrosa: 2019, als sich meine Sehfähigkeit deutlich verschlechterte, war Sitten gerade voller Baustellen. An einem Tag ging ich auf einer Strassenseite entlang, die am nächsten Tag bereits wieder unpassierbar war. Doch dank des Einsatzes meines weissen Stocks und manchmal auch der Hilfe aufmerksamer Passantinnen und Passanten bin ich stets zurechtgekommen.

Wie bewegen Sie sich an einem fremden Ort fort? Werden Sie da jeweils begleitet oder nicht?

Dora Boller: Ich habe leider einen sehr schlechten Orientierungssinn. Früher, als ich noch gesehen habe, konnte ich meine Gedanken beim Laufen einfach schweifen lassen. Als ich erblindete, ging das nicht mehr. Jetzt muss beim Laufen jeder Gedanke auf den Weg gerichtet sein. Wenn man nur eine halbe Drehung in die andere Richtung macht, läuft man eben schon verkehrt. Drum sind für mich die Führhunde eine grosse Unterstützung. Shaia ist der dritte Hund, den ich habe, die anderen sind schon in Pension. Mit dem Führhund gehe ich auch ohne Begleitung an Orte, die ich nicht kenne. Allerdings bereite ich mich dann so gut wie möglich vor und erkundige mich im Voraus, wo ich entlang gehen muss oder wo es auf dem Weg Zebrastreifen gibt. Wenn ich pünktlich zu einem Termin an einem neuen Ort sein muss, dann rufe ich für den Hinweg das Tixi-Taxi. Auf dem Rückweg habe ich ja dann wieder Zeit.

Simone Pedrosa: Für gewöhnlich bin ich in der Schweiz alleine unterwegs. Da für mich der Kontakt mit Menschen wichtig ist, frage ich bei Bedarf nach dem Weg. Es fällt allerdings nicht immer leicht, andere Leute um Auskunft zu bitten, vor allem wenn diese gerade telefonieren. Wenn ich Ferien im Ausland machen möchte, verreise ich mit meinem Lebenspartner, und wenn dieser dann mal etwas unternehmen will, das für mich nicht möglich ist, warte ich einfach im Hotel auf ihn.

Was finden Sie bei der Fortbewegung einfach bzw. schwierig?

Dora Boller: Besonders einfach sind die Wege, die man immer macht. Wenn ich Shaia sage «Avanti Migros», dann führt sie mich exakt dorthin. Schwierige Situationen können sich zum Beispiel dann ergeben, wenn Shaia Freilauf hat. Den will ich ihr aber so oft wie möglich gewähren. Neulich waren wir gemeinsam oberhalb von St. Gallen spazieren. Ich ging auf einem Wanderweg und liess Shaia laufen. Irgendwann habe ich sie nicht mehr gehört. Ich rief nach ihr, bekam aber keine Antwort. Gott sei Dank kamen zwei Spaziergänger, die ich fragen konnte, ob sie einen weissen Hund gesehen haben. Sie sagten Shaia sitze oberhalb des Wanderwegs an der Strasse und traue sich die steile Mauer nicht herunter. Der Wanderweg und die Strasse waren auseinander gelaufen und auf einmal war Shaia zu hoch oben, um zu mir zurück zu kommen. Der Mann des Spaziergängerpaars hat sie mir dann heruntergehoben und wir waren wieder zusammen.

Simone Pedrosa: Mithilfe des weissen Stocks kann ich mich in meinem Umfeld problemlos fortbewegen – ich habe da so meine Gewohnheiten. Das Schwierigste für mich ist, den Leuten klar zu machen, dass ich sehbehindert bin. Da ich mit einem Stock unterwegs bin, ist ihnen oft nicht klar, dass ich noch sehen kann. Es war auch schwierig, meiner Familie zu vermitteln, dass der Stock mein Hilfsmittel ist, und wenn sie sich bei mir unterhaken, hilft es mir nicht, mich sicher fortzubewegen.

Was kann Sie aus der Ruhe bringen, auch auf bekannten Wegen?

Dora Boller: Wenn irgendwo in einer Seitenstrasse ein Hund läuft, dessen Geruch Shaia gefällt, lässt sie sich manchmal ablenken, dann muss ich aufpassen, dass ich nicht vom eigentlichen Weg abkomme. Ausserdem gibt es Leute, die meinen sie müssten Shaia füttern. Wenn ein Hund Futter riecht, ist er natürlich abgelenkt und kann sich nicht mehr auf den Weg konzentrieren. Leider verstehen das einige Leute nicht und halten sich trotz meiner Bitten nicht daran, kein Futter zu geben. Ebenfalls sehr mühsam ist, dass die Menschen so viel auf der Strasse oder im Wald entsorgen, was eigentlich in einen Abfalleimer gehört. Wenn ich mit Shaia spaziere und weiss, dass ich an einem Picknickplatz vorbei komme, muss ich sie an die Leine nehmen. Es liegt dort soviel herum, was sie fressen kann, aber nicht gut für sie ist. Neulich lagen bei einer Bank zwei Pizzakartons mit noch je einer halben Pizza drin. Die hat Shaia natürlich sofort entdeckt!

Simone Pedrosa: Nach draussen zu gehen ist für mich immer mit einem gewissen Angstgefühl verbunden. Seitdem ich noch schlechter sehe, bedeuten vor allem grosse Plätze oder Städte mit vielen Menschen Stress für mich. Ich besuche jedoch alle zwei Monate ein Mobilitätstraining, in dem ich lerne, genau mit solchen Herausforderungen möglichst eigenständig zurechtzukommen.