Sie weiss, wovon sie spricht: Dr. Elke Wagner aus Karlsruhe ist Expertin, wenn es um soziale Kompetenzen sehbeeinträchtigter Menschen geht. Soziale Kompetenzen sind andererseits auch im gegenseitigen Umgang gefragt: von Sehenden genauso wie von Menschen mit Sehbeeinträchtigung. Im Interview mit tactuel erklärt Wagner, was soziale Kompetenzen sind und was  passieren kann, wenn sie fehlen.

von Michel Bossart

Dr. Elke Wagner hat zwei von Geburt an zwei Augenkrankheiten: Retinitis pigmentosa und Albinismus. Das führt dazu, dass sie sehr blendempfindlich ist und neben einem Restsehvermögen von zwei Prozent auch ein sehr eingeschränktes Gesichtsfeld hat. Durchs Leben kommt die 58-Jährige als «Mischtechnikerin», wie sie sagt: einerseits vergrössert sie Texte stark, nutz aber genauso ein Bildschirmlesegerät, die Braillezeile und JAWS – am liebsten jedoch iPad und iPhone.

Sie studierte Sonderpädagogik mit Schwerpunkt Blinden- und Sehbehindertenpädagogik sowie Lernbehindertenpädagogik. Ab den 1990er Jahren arbeitete sie als Sonderschullehrerin und vor der Jahrtausendwende in die Lehre: An der PH Heidelberg war sie im Bereich Blinden- und Sehbehindertenpädagogik tätig. Ihre Dissertation «Sehbehinderung und soziale Kompetenz» ist 2003 erschienen. Bis 2017 war sie als stellvertretende Leiterin in einer grossen beruflichen Bildungseinrichtung für blinde und sehbehinderte Menschen tätig. Zurzeit arbeitet Wagner mit Menschen mit einer geistigen Behinderung in einer Berufsschulstufe.

Betreffend «soziale Kompetenzen» sagt Wagner: «Das ist ein Thema, das mich schon immer begleitet hat. Sowohl auf meinem persönlichen Lebensweg als auch in meiner Arbeit mit Menschen, die blind oder sehbehindert sind und deren Angehörigen.»

Frau Wagner mit Weissem Stock und Sonnenbrille vor einem Hühnergehege.
Dr. Elke Wagner gibt Workshops zu Sozialkompetenz / Bild: Dr. Elke Wagner

Frau Wagner, was genau verstehen Sie unter sozialer Kompetenz?

Sozialkompetenzen benötigen alle Menschen. Für Blinde und sehbehinderte Menschen sind sie hilfreich, damit sie sich in der Welt der Sehenden integrieren können und mehr Selbstwertgefühl erlangen. Ich unterteile die sozialen Kompetenzen in vier Teilbereiche. Erstens: der Umgang mit der eigenen Behinderung. Zweitens: Orientierung und Mobilität (O+M) und die Lebenspraktischen Fähigkeiten (LPF). Drittens: die berufliche Teilhabe und viertens: die soziale Interaktion, sprich die Kommunikation. Wenn man Sehende nach dem für sie wichtigsten Teilbereich fragt, antworten sie meist «soziale Interaktion». Für Direktbetroffene ist es der Bereich O+M und LPF und selten der Umgang mit der eigenen Behinderung. Sehende und Sehbeeinträchtigte gehen unterschiedlich an dieses Thema heran. Das ist bemerkenswert.

Können Sie konkrete Beispiele zu sozialen Kompetenzen machen?

Sehbeeinträchtigte sollten über ihre Behinderung offen sprechen, damit Sehende verstehen, warum etwas so und nicht anders gemacht wird. Für Sehende kann es beispielsweise verstörend sein, wenn jemand mit dunkler Brille und weissem Langstock auf einer Bank sitzt und die Zeitung liest. In der Welt der Sehenden auf der anderen Seite ist es wichtig, dass man sich beim Sprechen anschaut. Das muss ich als Sehbeeinträchtigte wissen und mir dieses Verhalten antrainieren. Als sehbeeinträchtigte Person muss ich mir zudem im Klaren sein, wann ich etwas allein kann und wann ich auf Hilfe anderer angewiesen bin. Zum Beispiel: Ich bin mit Hilfe erlernter Strategien durchaus in der Lage, allein einkaufen zu gehen. Viele Produkte stehen in der Regel immer am gleichen Ort. Was ich allerdings ohne Hilfe nicht kann, ist zum Beispiel das Haltbarkeitsdatum der Produkte in Erfahrung bringen. Ein anderes, etwas plakatives Beispiel ist das Vorstellungsgespräch, an das ich im Jogginganzug gehe – das kommt einfach nicht gut an…

Überhaupt ist der Bewerbungsprozess für Sehbeeinträchtigte komplizierter als für Sehende. Soll man eigentlich seine Beeinträchtigung schon im Bewerbungsschreiben erwähnen?

Das ist in der Tat eine schwierige Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Ich habe mal mit Personalverantwortlichen gesprochen und wollte von ihnen wissen, ob sie diese Information gerne schon von Anfang an offengelegt hätten. Die einen sagten, wenn sie es nicht vorher wüssten, würden sie sich veräppelt vorkommen. Andere sagten, wenn sie es wüssten, hätte die Bewerbung gar keine Chance und die Dritten meinten, dass es ihnen nicht drauf ankomme. Man muss im Einzelfall überlegen, ob und wann es sinnvoll ist, die Behinderung zum ersten Mal zu erwähnen.

Zurück zu den sozialen Kompetenzen. Wozu sind sie nützlich? Oder anders gefragt: Was kann passieren, wenn soziale Kompetenzen fehlen?

Nehmen wir den Teilbereich «Kommunikation»: Als sehbeeinträchtigter Mensch muss ich anders lernen, ein Gespräch zu führen: Holt mein Gegenüber Luft? Das ist vielleicht ein Zeichen, dass er oder sie ebenfalls etwas sagen will. Wenn ich wegen einer Makuladegeneration meinen Gesprächspartner nur seitlich anschauen kann, hilft es, dies vorgängig zu erklären, um Irritationen zu vermeiden. Wichtig ist – ich habe es bereits gesagt – offen zu kommunizieren, viel auszuprobieren und für sich lernen, wie man erfolgreich mit anderen Menschen interagiert. Wenn man das nicht schafft, kann das zu Isolation bis zur Ausgrenzung führen.

Am Blindeninstitut in Wien haben Sie einen Workshop zum Thema geleitet. Zielpublikum waren einerseits Schüler und Schülerinnen andererseits auch deren Eltern. Was haben die Schulpflichtigen in diesem Workshop gelernt?

Ich habe im Thema Sehbeeinträchtigung und Erwerb von Sozialkompetenzen promoviert und unterrichte das regelmässig an der Schule und in Workshops. Diese sind in der Regel ein Gewinn für alle. Die Teilnehmenden werden nach Alter und kognitiven Fähigkeiten in Gruppen von idealerweise fünf bis sieben Personen eingeteilt. In zirka anderthalb Stunden diskutieren wir dann Fragen, die die Jugendlichen bewegen. Warum kommt es zu Problemen mit Mitschülern? Wie geht es euren Eltern mit eurer Behinderung? Warum mag mich keiner? Was stört euch besonders an euer Sehbeeinträchtigung? Mit älteren Schülern werden ausserdem Themen wie Sexualität und Beziehung angesprochen. Wichtig ist: Alles, was während des Workshops besprochen wird, bleibt im Raum und wird nicht nach aussen getragen.

Und um was ging es im Workshop mit den Eltern?

Um den Umgang mit der Behinderung ihres Kindes. Was bedeutet die Behinderung für sie als Eltern? Gibt es Probleme mit den Geschwistern? Interessanterweise öffnen sich die Eltern sehr schnell. Diese Workshops könnten auch einen halben Tag lang gehen, doch irgendwann muss man mal einen Punkt setzen… (lacht)

Ihr persönliches Fazit zu diesen Workshops?

Sie sind zwar anstrengend, gleichwohl sehr bereichernd. Die Rückmeldungen sind jeweils durchwegs positiv. Was ich wichtig finde: Solche Workshops sollten von Direktbetroffenen geleitet werden. Als Sehbeeinträchtigte bin ich eine Art «Role Model» und Betroffene getrauen sich eher, entsprechende Fragen zu stellen.

Welche sozialen Kompetenzen sollten Sehbeeinträchtigte im Umgang mit Sehenden Ihrer Meinung nach unbedingt haben?

Hilfe annehmen oder adäquat ablehnen. Klar kann es nerven, wenn die vierte Person innerhalb kurzer Zeit einem helfen will, man aber sehr gut selbst zurechtkommt. Die vierte Person kann jedoch nicht wissen, dass ich bereits dreimal gefragt worden bin. Darum: Einfach höflich Danke für das Hilfsangebot sagen und im Hinterkopf behalten, dass jeder Blinde wie ein kleiner PR-Mensch ist, der eine Brücke zu den Sehenden schlägt. Sehende sind nicht per se bösartig oder gemein, sondern agieren und reagieren für uns manchmal sonderbar wegen Hemmungen oder Unwissenheit. 

Was kann dagegen unternommen werden?

Blinde und Sehbeeinträchtigten sollten sich schon früh mit diesem Thema beschäftigen. Wenn schon in der Grundschule Dinge offen und wiederholt angesprochen werden, fällt es einem später leichter, sich auszudrücken. Sie sollten obendrein bereit sein, Auskunft zu geben. Damit hilft man der ganzen Gruppe von blinden und sehbehinderten Menschen. Sehbeeinträchtigte sollten ferner nicht vergessen, dass Blindheit bei Sehenden grosse Angst auslöst. Sehende nehmen mehr als 80 Prozent der Informationen aus der Umwelt über das Auge auf. Die Angst, das Augenlicht zu verlieren ist nur unwesentlich kleiner als die Sorge, an Krebs zu erkranken. Als Betroffene sag ich, das ist Quatsch. Wir Blinde können uns doch auch glücklich schätzen, weil wir normal kommunizieren können. Das ist für Gehörlose um einiges schwieriger.

Gibt es wichtige Sozialkompetenzen, die von Sehenden im Umgang mit Sehbeeinträchtigten vonnöten sind?

Bitte schiebt uns nicht ungefragt auf die andere Strassenseite! Und nicht jeder Mensch, der bei Regenwetter eine Sonnenbrille trägt, ist doof, sondern vielleicht einfach sehbeeinträchtigt. Bitte keine voreiligen, abschätzigen Kommentare fallen lassen. Und ich wünsche mir, sollten Sehende mal schlechte Erfahrung beim Hilfeanbieten gemacht haben, das nächste Mal trotzdem wieder zu fragen, weil derjenige ja tatsächlich auf Hilfe angewiesen sein könnte…

Woran scheitert das gute Miteinander von Sehenden und Sehbeeinträchtigten am meisten?

Das kommt auf die Altersgruppe drauf an. Jugendliche wollen eher wie gleichaltrige Sehende sein, sind es aber nicht. Überhaupt ist das Alter von zirka 14 bis 24 Jahre für Sehbeeinträchtigte oft der schwierigste Lebensabschnitt. Abgesehen davon sollten Sehbeeinträchtigte hin und wieder Hilfe annehmen – selbst wenn sie vielleicht gar keine bräuchten und die Rollenperspektive von Sehenden einnehmen. Und noch etwas ist für Sehbeeinträchtigte wichtig: Man soll seine eigenen Probleme nicht nur in der Erblindung suchen; sich nicht auf das eigene Blindsein minimieren.

Sind feste deutsche Ausdrücke wie «auf Wiedersehen», «meiner Ansicht nach» oder «mit blinder Wut» im Umgang mit Sehbehinderten problematisch? Ist der Gebrauch solcher Ausdrücke ein Zeichen mangelnder Sozialkompetenz?

Es wäre unsinnig, diese Begriffe nicht zu benutzen. Wir Sehbeeinträchtigten sind eine kleine Gruppe und leben in der ganz grossen Welt der Sehenden. Ich muss mich an diese Welt anpassen, wenn ich an ihr teilhaben möchte. Damit wären wir wieder bei der ersten Kompetenzgruppe gelandet: Der souveräne Umgang mit der eigenen Behinderung.