In einem Orchester sind alle Instrumente auf den gleichen Grundton gestimmt. Beim gemeinsamen Singen passen sich Stimmlage und Atemfrequenz der Sänger an. Wenn Menschen zusammen Musik machen, trainieren sie unter anderem ihre kommunikativen und empathischen Fähigkeiten. Diese Erlebnisse sind für blinde Menschen von grosser Bedeutung. Zu diesem ­Ergebnis kommt die empirische Untersuchung «Das Musizierverhalten bei blinden und sehbehinderten Menschen».

von Dr. phil. Juliane Bally, Universität ­Regensburg

In der Studie wurden 206 sehbehinderte und ­blinde Musiker aus der Schweiz, Deutschland und ­Österreich zu ihrer musikalischen Bildung und ­ihren musikpraktischen Aktivitäten befragt. Ziel war es, zu erfahren, welche Bedeutung die Musik für die Inklusion blinder und sehbehinderter Menschen hat. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Das gemeinsame Musizieren von Blinden und Sehenden wird von 75 Prozent aller befragten Personen als Stärke und Motivationsfaktor für eine gelingende Inklusion empfunden. Unter den 206 Studienteilnehmern waren 158 Erwachsene sowie 48 schulpflichtige Kinder und Jugendliche. Beim grössten Teil aller Befragten bestand die Sehbehinderung von Geburt an oder trat im Alter von bis zu drei Jahren ein. 50 Prozent von ihnen sind vollständig blind, weitere 50 Prozent partiell sehbehindert.

Warum Musik?

Unter den zahlreichen Freizeitaktivitäten, wie Sport, Wandern oder Lesen, nimmt die Musik für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung eine Sonderstellung ein. Nach dem Grund für das starke Musikinteresse gefragt, gibt die Mehrzahl der Studienteilnehmer an, dass die Angebote hier besonders abwechslungsreich seien. Musik hören und erleben bei einem Orchesterauftritt, in der Oper oder bei einem Kirchenkonzert ist genauso wichtig wie die eigene Praxis als Chormitglied, Ensemblemusiker oder Solist. Auch die digitale Beschäftigung mit Musik weckt zusehends das Interesse. Musiksoftware bietet Möglichkeiten zum Experimentieren mit Klängen, Mixen, Musizieren oder Komponieren. Hier kann ganz ohne Scheu, individuell, die persönliche Kreativität ­digital erkundet werden.
Musizieren als Berufung oder Hobby kann förderlich sein für die Lebenszufriedenheit, das Selbstwertgefühl, die Persönlichkeit und Identitätsbildung. Auch wenn es grosse Unterschiede bei der Ausprägung von Musikalität gibt, so verfügt jeder Mensch, jedes Kind über Kompetenzen, sich mit Hilfe von Musik zu äussern. Diese Fähigkeit kann Ausgangspunkt für weitere kreative Handlungen und die Verbindung zu anderen Künsten sein. Als wichtig für die Ausübung einer musikalischen ­Tätigkeit wurden genannt: ein unterstützendes privates Umfeld, idealerweise an die Betreuung durch Musiklehrerinnen bzw. Mentoren gekoppelt sowie ein reger Austausch mit anderen Betroffenen und Gleichgesinnten. Das Spielen eines Instruments beginnt meist im frühen Kindesalter und stellt hohe Anforderungen an Gehör und Fein­motorik. Sehende und blinde Musizierende lernen ihr Instrument gleichermassen auch durch Ertasten kennen. Wenn sehende Musikerinnen und Musiker die schwarzen Notenpunkte lesen, können sie diese gleichzeitig in die Bewegung ihrer Finger umsetzen. Blinde Musizierende lernen die Braille-Notenpunkte auf tastende Weise. Der Lernprozess ist mehrstufig, erst wenn der Notentext eingeprägt ist und abgerufen werden kann, dann kann er auf dem Instrument gespielt werden. Das ist ein Grund, warum die Braille-Notenschrift für viele eine Herausforderung ist. Sie vertrauen auf ihr gutes akustisches Gedächtnis und lernen das Instrumentalspiel nach Gehör. Diese Option gibt es für Berufsmusikerinnen und -musiker nicht, denn sie benötigen die Braille-Notenschrift bei ihrer Arbeit.

Professionelle Musikerinnen und Musiker

Etwa ein Drittel der Studienteilnehmer beschäftigt sich professionell mit Musik, viele junge Menschen mit Sehbehinderung hegen zudem den Wunsch nach einer Berufstätigkeit im musikalisch-künstlerischen oder musiknahen Bereich. Die laut Studie häufigsten Tätigkeitsbereiche sind ­Kirchenmusik, Musikpädagogik, Klavierbau und Tontechnik. Der Weg durch eine fachspezifische Berufsausbildung und der Einstieg in die Praxis ist oft mit Heraus­forderungen verbunden. Gemäss den Studien­teilnehmenden benötigen Menschen mit Sehbehinderung ein weitaus grösseres Mass an Enga­gement und viel Optimismus, um Anerkennung zu finden und sich in ihrem Arbeitsfeld zu etablieren. Unerlässliche Voraussetzungen dafür sind Barriere­freiheit, Nachteilsausgleich und faire Bildungchancen. Trotz dieser Herausforderungen erarbeiten sich begabte und gut ausgebildete Musikerinnen und Musiker oft eine erfolgreiche berufliche Karriere. Nicht zu unterschätzen ist die Unterstützung, die sehbehinderte und blinde Personen aus ihrem ­privaten Umfeld und von institutioneller Seite in beruflichen Belangen erfahren. Auch die offene Kommunikation der Sehbehinderung ist ein förderlicher Faktor beim Eintritt in das Berufsleben. Hier sind Verständnis und Wohlwollen des Gegenübers wichtige Auslöser, dass Betroffene offen über ihre Sehbehinderung sprechen.

Empfehlungen für eine frühe Förderung

Die Studie zeigt, dass sowohl Hobby- als auch ­Berufsmusikerinnen und -musiker schon in früher Kindheit mit der musikalischen Ausbildung beginnen. Bei der ­Instrumentenwahl werden Klavier, Keyboard und Orgel favorisiert. Auch zur Vokalpraxis besteht eine starke Affinität. Das Spiel auf Blas-, Saiten- und Perkussionsinstrumenten wird eher weniger gewählt. Die starke Neigung zu Tasteninstrumenten liegt sicherlich auch an der stabilen Bauweise und den guten Orientierungsmöglichkeiten. Das Singen im Chor ist für viele Laien mit und ohne Behinderung ein entscheidendes Gemeinschaftserlebnis, hier können sie ihre Kreativität selbstwirksam entfalten, die gemeinsame Freude am Musizieren teilen und sich auch bei der Ensemble­arbeit wechselseitig unterstützen. Gerade bei Aktivitäten dieser Art kann die kulturelle Teil­habe, laut Art. 30 der UN Behindertenrechtskonvention, eindrucksvoll realisiert werden.
Äusserst interessant für die Untersuchung war die Perspektive der blinden und sehbehinderten ­Personen auf ihre persönlichen Kompetenzen. Die Merkfähigkeit, speziell von Melodien, der musikalische Ausdruck und die Improvisation wurden als eindeutige Stärken identifiziert. Diese Eigenschaften können insbesondere die Ensemble­arbeit ­positiv beeinflussen. Bei der Spieltechnik, Selbstorganisation und Disziplin beim Üben fühlen sich viele Studienteilnehmende unsicher. Den Rhythmus zu halten, die Nutzung der Braille-­Notenschrift oder der Umgang mit Lampenfieber sind Herausforderungen. Auch hier kann die gemeinschaft­liche Musikpraxis eine erfolgsversprechende Methode sein, um Unsicherheiten zu überwinden.

Akuten Handlungsbedarf macht die Studie beim Zugang zu musikalischer Förderung für junge Menschen mit hochgradiger Sehbehinderung aus. Ein vielfältiges Angebot an musikalischen Aktivitäten an Förder- und Regelschulen fehlt oder wird durch Sparmassnahmen gestrichen. Oft werden musikalische Talente weder früh genug iden­tifiziert noch angemessen gefördert. Die Ver­mittlung von musikalischem Grundwissen, das Inte­resse an einem Konzertbesuch oder eigene Musikaktivitäten werden auf ein Minimum reduziert. Die musikalische Aktivierung und Sensibi­lisierung bleibt auf der Strecke. Entsprechende Bildungsinstitutionen und Fachverbände sollten sich stark machen, um die Rechte auf Bildung und kulturelle Teilhabe einzufordern.

Fazit

Das gemeinsame Kulturerlebnis, das Zuhörende und Musizierende gleichermassen begeistert, hat für viele Menschen mit Sehbeeinträch­tigung eine Schlüsselfunktion bei der Verwirk­lichung von Chancengleichheit und Inklusion. Darum sollten ausreichend Bildungsangebote für die musikpädagogische und künstlerische Arbeit vorhanden sein, die Handlungsspielraum für ­musikalische Aktivitäten in Freizeit und Beruf ­bieten.

Dr. phil. Juliane Bally

Juliane Bally studierte Kommunikations- und Musikwissenschaft. Sie promovierte mit einer Arbeit über den ungarischen Komponisten Miklós Rózsa.
Nach Tätigkeit im wissenschaftlichen Projektmanagement und Wahrnehmung zahlreicher Lehraufträge schliesst sie nun ihr Habilitationsprojekt zum Musizierverhalten blinder und sehbehinderter Menschen an der Universität Regensburg ab.

Die vollständige Studie erscheint 2021 als Buch bei Edition Bentheim, Würzburg.