Das Misstrauen der Sprache gegenüber ist ein grundlegendes Thema von Peter Handke. Sprachskepsis wird zum poetologischen Programm. Das ist in seiner neuen Erzählung «Das zweite Schwert» nicht anders. Kaum niedergeschrieben, wird jeder Satz, jede Wendung hinterfragt. Wie in vielen seiner Bücher begibt sich auch hier ein autobiografisch gefärbter Erzähler auf eine Reise ins Pariser Umfeld. Diesmal mit der Absicht, Rache zu nehmen für die Verleumdung der «heiligen» Mutter seitens einer Journalistin. «Das zweite Schwert» ist eine humorvolle, selbstironische, romantische Phantasie, reich an literarischen und popkulturellen Anspielungen.

Schlicht «Das Mädchen» heisst der neue Roman der grossen irischen Schriftstellerin Edna O’Brien. Er setzt ein mit dem Satz «Ich war einmal ein Mädchen, aber jetzt nicht mehr». Was folgt, ist eine drastische Geschichte, die so roh und fesselnd ist wie eine griechische Tragödie. Sie handelt von Entführung, Vergewaltigung und Gefangenschaft, und wird von Maryam, einem jungen nigerianischen Mädchen in oft unnachgiebigen Details erzählt. Sie wird mit einem «Gotteskrieger» der Terrorgruppe Boko Haram verheiratet und gebiert ein Kind, mit dem sie schliesslich fliehen kann. Zurück in ihrem Dorf aber wird sie ausgegrenzt.

Als Fran Ross‘ Roman «Oreo» 1974 erschien, fand er keine Beachtung. Er war zu verrückt für seine Zeit. Ross starb 1985 in New York. 15 Jahre später wurde «Oreo» neu entdeckt und jetzt war die Zeit reif für die wahnwitzige Geschichte der 16-jährigen Christine Clark. Sie ist, wie die Autorin, halb jüdisch, halb schwarz und wird daher Oreo genannt. Oreo ist ein Keks aus Schokolade mit weisser Füllung. Die Heldin, aufgezogen von den schwarzen Grosseltern, macht sich auf, die weisse Seite, ihren jüdischen Vater in New York zu suchen. Auf ihrer Odyssee begegnet sie vielen aberwitzigen Figuren.

  • Handke, Peter: Das zweite Schwert, Berlin: Suhrkamp, 2020. Ausleihe: DS 49574
  • O’Brien, Edna: Das Mädchen, Untermünkheim: steinbach sprechende bücher, [2020]. Ausleihe: DS 49617
  • Ross, Fran: Oreo. München: dtv, 2019. Ausleihe: DS 49351

Braille-Tipp

Die 1962 in Zürich geborene Zora del Buono lebt heute in Berlin, wo sie zunächst als Architektin arbeitete, bevor sie sich 2008 ganz der Schriftstellerei widmete. In ihrem neuen Roman «Die Marschallin» erzählt Zora del Buono die abenteuerliche Geschichte ihrer Grossmutter, die ebenfalls Zora Del Buono hiess, mit dem Unterschied, dass die Grossmutter damals das kleine «d» in ein grosses abänderte, um sich vom bourgeoisen Adelsprädikat zu distanzieren. Denn die Grossmutter war eine glühende Kommunistin mit guten Beziehungen zum Marschall Josip Broz Tito, den sie in ihrem herrschaftlichen Haus in Bari manchmal beherbergte. Die Chronik der Familie reicht bis zum 24. Juli 1948 und ist geprägt vom Widerstand gegen den Faschismus und von rauschenden Festen. Dann springt sie ins Jahr 1980. Die Marschallin lebt im Altersheim und erzählt verbittert von einem politisch motivierten Mord und den darauffolgenden, traurigen Ereignissen.

  • Del Buono, Zora: Die Marschallin, München: C.H.Beck, 2020. 4 Bd. 548 S. Ausleihe: BG 33860

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