Hindernisfreie Architektur bleibt Stückwerk

Bild: SZBLIND
Blendendes Licht, unmarkierte Treppen, fehlende Kontraste: Für ältere Menschen mit Sehbeeinträchtigung sind es oft kleine bauliche Details, die den Alltag unsicher machen. Eva Schmidt, Geschäftsleiterin der Fachstelle «Hindernisfreie Architektur», zeigt, warum hindernisfreies Bauen trotz klarer Normen in der Praxis häufig scheitert.
Von Michel Bossart, Redaktion tactuel
«Wir erklären, warum Massnahmen notwendig sind – und was passiert, wenn sie fehlen», sagt Eva Schmidt. Die Geschäftsleiterin der Fachstelle «Hindernisfreie Architektur» berät Planende, Behörden und Bauherrschaften zu Fragen der Sicherheit und Orientierung. Ihre Arbeit reicht vom Strassenraum bis zu Wohnbauten. Häufig geht es um bestehende Gebäude: fehlende Handläufe, ungesicherte Glasflächen oder Beleuchtungen, die blenden oder zu dunkel sind. «Baueigentümer sind meist bereit, Korrekturen vorzunehmen, wenn sie verstehen, was nötig ist», sagt Schmidt. «Sicherheit ist ein starkes Argument – auch wegen der Haftung.»
Gute Normen, schwacher Vollzug
Die Norm SIA 500 definiert zwar Mindeststandards für Orientierung, Kontraste, Beleuchtung und sichere Erschliessung. Dennoch hapert es beim Vollzug. Entscheidend ist, dass Behörden diese Anforderungen bei Bauabnahmen gezielt einfordern. Als positives Beispiel nennt Schmidt die Stadt Zürich, die seit rund einem Jahr Mängel bei Schulbauten systematisch korrigieren lässt. «Das sollte schweizweit Schule machen», sagt sie.
Der Vollzug ist anspruchsvoll. In der Ausführungsphase stehen Planende unter Zeitdruck, und Anforderungen konkurrieren miteinander – etwa Energieeffizienz, Kosten oder gestalterische Trends. Hindernisfreiheit gerät dabei oft ins Hintertreffen. «Häufig fehlt die Frage, wer den Raum nutzt», sagt Schmidt, «und was Materialwahl oder Beleuchtung für die Sicherheit bedeuten.»
Wiederkehrende Fehler
Bestimmte Mängel tauchen immer wieder auf. Schmidt nennt drei Problemfelder: Materialwahl, Beleuchtung und Treppen. Dunkle, wild gemusterte oder stark reflektierende Oberflächen irritieren. Blendung bleibt ein Dauerproblem, trotz klarer Vorgaben. Bei Treppen führen fehlende Markierungen oder falsch endende Handläufe zu gefährlichen Situationen.
Auch im Aussenraum bestehen Defizite: unklare Führung von Fusswegen, fehlende Absätze zur Fahrbahn oder schlecht erkennbare Fussgängerschutzinseln. Ein strukturelles Problem ist die fehlende Kontrolle. Während im Energiebereich Förderinstrumente und Prüfmechanismen etabliert sind, fehlt im hindernisfreien Bauen ein vergleichbares System. Vieles beruht auf Eigenverantwortung. «Wir wissen noch zu wenig darüber, an welchen Stellen in Planung und Projektierung Fehler entstehen», sagt Schmidt. Ein neues Forschungsprogramm mit Hochschulen soll hier ansetzen.

Altersgerecht heisst auch sehbehindertengerecht
Die Anforderungen älterer Menschen überschneiden sich stark mit jenen von Menschen mit Sehbeeinträchtigung: sichere Treppen, klare Übergänge, konsistente Signaletik und geeignete Lichtverhältnisse. Schmidt warnt davor, Alter nur als Wohnfrage zu behandeln. «Ältere Menschen bewegen sich im ganzen Stadtraum», sagt sie. Wer dort Hindernisse abbaut, stärkt Selbstständigkeit insgesamt.
Beim Wohnen setzt die Fachstelle auf das Prinzip «hindernisfrei – anpassbar». Ihre Richtlinie von 2023 ergänzt die Norm SIA 500 und zeigt, wie diese umgesetzt werden kann. Ziel ist es, dass Menschen auch bei nachlassender Sehkraft in ihrer Wohnung und im gewohnten Umfeld bleiben können. Anpassbare Wohnungen sind gut möblierbar, bieten Platz für Hilfsmittel und können an individuelle Bedürfnisse zugeschnitten werden. Die revidierte SIA-Norm wird künftig verbindlicher regeln, wo Beleuchtungsstärken am Bedarf älterer oder sehbeeinträchtigter Menschen auszurichten sind – sowohl in öffentlich zugänglichen Bauten als auch in Wohngebäuden.
Politisch sieht Schmidt dennoch Handlungsbedarf. Das Behindertengleichstellungsgesetz greift im Wohnungsbau erst ab neun Wohnungen. «Das muss dringend korrigiert werden», sagt sie, «wir können uns heute nicht mehr leisten, neue Wohnungen zu erstellen, die nicht für alle zugänglich sind.»
Orientierung statt Improvisation
«Neue Gebäude sind selten vollständig hindernisfrei», sagt Schmidt. Ihre Fachstelle dokumentiert vorbildliche Bauten, findet aber fast immer Mängel. Sensorische Hindernisse zeigen sich oft erst im Gebrauch. «Rollstuhlgängigkeit erkennt man auf dem Plan», sagt Schmidt. «Beleuchtung und Kontraste erst im gebauten Raum.»
Hindernisfreie Architektur bleibt damit eine Frage der Aufmerksamkeit – vom Entwurf bis zur Ausführung. Oder, wie Schmidt es zusammenfasst: «Es geht um Menschlichkeit im Detail.»

