«Ich wollte selbst entscheiden»
Wohnen im Alter mit Taubblindheit oder einer Hörsehbeeinträchtigung

Bild: Off Stage GmbH
Mit 87 Jahren hat Therese Dumas ihre Wohnsituation neu geordnet. Der Umzug in eine kleinere Wohnung mit Service erfolgte nicht aus einer Notlage, sondern aus einem bewussten Entscheid. Das Porträt zeigt, wie Wohnen im Alter mit einer Taubblindheit oder Hörsehbeeinträchtigung gelingen kann – zwischen Selbstständigkeit, Unterstützung und klaren Grenzen.
Von Michel Bossart, Redaktor tactuel
Therese Dumas lacht oft. Nicht aus Verlegenheit, sondern weil Humor für sie zum Alltag gehört. «Ich bin frei», sagt sie früh im Gespräch, fast nebenbei. Der Satz ist schlicht formuliert, aber er beschreibt ihre aktuelle Lebenssituation präzise. Seit einigen Monaten lebt die 87-Jährige im Irides in Basel – in einer Wohnform, die Selbstständigkeit ermöglicht und trotzdem Unterstützung bereithält, allerdings ohne diese aufzudrängen.
Zuvor wohnte sie in Pratteln, in einer grossen Vierzimmerwohnung. Lange kam sie dort gut zurecht, auch nachdem ihr Sehvermögen stark nachgelassen hatte. Der Alltag war klar strukturiert. Ordnung spielte eine wichtige Rolle. Bewegung ebenfalls. Mit ihrem Hund ging sie täglich spazieren. «Das hat mir gutgetan», sagt sie. Heute lebt der Hund bei einer Bekannten am Bielersee. Der Abschied war schmerzhaft, aber für sie folgerichtig. «Ein Tier in der Stadt, wenn man nichts mehr sieht, ist schwierig.»
Der Wendepunkt kam mit 80 Jahren. Eine feuchte altersbedingte Makuladegeneration führte innerhalb kurzer Zeit zu einem massiven Sehverlust. Anfangs liess sich der Verlauf mit Injektionen verlangsamen, später nicht mehr. Heute erkennt Therese Dumas keine Gesichter mehr. Sie nimmt Umrisse, Hell und Dunkel wahr. «Es tut körperlich nicht weh, nichts zu sehen», sagt sie. «Und nichts zu hören, schmerzt ebenfalls körperlich nicht.» Die Hörgeräte trägt sie seit vielen Jahren. Ohne sie wäre sie nicht nur blind, sondern auch ertaubt.
Gearbeitet hat sie lange. Nach einem Haushaltslehrjahr absolvierte sie eine Ausbildung zur Podologin, naheliegend durch das Schuhgeschäft ihres Vaters. Sie führte ein eigenes Geschäft für Fusspflege, bildete Lernende aus und unterrichtete an der Berufsschule. Bis 70 blieb sie berufstätig. Auto gefahren ist sie bis 80. Selbstständig zu sein, gehörte für sie immer dazu.
Kleiner wohnen, selbstständig bleiben
Der Entscheid für einen Wohnwechsel fiel nicht aus einer akuten Krise heraus. «Ich habe gemerkt, dass ich mehr Hilfe brauche», sagt sie. Die Wohnung war gross, der Aufwand hoch. Alles musste ertastet werden. Gleichzeitig wollte sie die Entscheidung selbst treffen. «Ich wollte nicht warten, bis meine Kinder sagen, ich müsse ins Altersheim.» Sie besichtigte das Irides gemeinsam mit einer freiwilligen Begleitperson des SZBLIND. Erst als alles geregelt war, informierte sie ihre Familie. «Das war mir wichtig.» Die Reaktion sei dann auch positiv gewesen, lacht sie.
Heute lebt sie in einer hellen Zwei-Zimmer-Wohnung mitten in der Stadt. «Die Wohnung ist klein, aber praktisch», sagt sie. Putzdienst und Spitex kommen regelmässig. Alles Weitere entscheidet sie selbst. Sie kocht am liebsten selbst und täglich frisch. Gemüse und auch frisch gepresster Orangensaft gehört dazu. Der Backofen ist für sie die grösste Herausforderung. Denn eigentlich würde sie gerne ihr Brot selbst backen und Gratins zubereiten. Aber: Die Bedienung ist nicht blindenkonform. Ansonsten stimmt in der Wohnung alles für sie.
Laut sei es hier, sagen andere. Für sie spiele das keine Rolle. «Die Hörbeeinträchtigung hat auch Vorteile», sagt sie und lacht. Wichtig sei das Licht. «Ich brauche es hell.» Den Lift nutzt sie problemlos. Man habe ihn ihr erklärt. Auswärts nimmt sie immer die Treppe. Nicht nur, weil sie sich dann sicherer fühlt, sondern weil Bewegung weiterhin zu ihrem Alltag gehört.
So ist auch der tägliche Einkauf eine Art Fitness-Training für Kopf und Muskeln. «Ich kaufe jeweils nur so viel ein, wie ich gut tragen kann.» Früher ging sie deutlich mehr zu Fuss. Heute sind es weniger Schritte. «Aber 6000 oder 7000 reichen ja auch», findet sie. Der weisse Stock begleitet sie immer, wenn sie unterwegs ist. «Er ist eines meiner Augen.» Den Umgang damit lernte sie bereits, als sie noch besser sah.
Keine Spur von Einsamkeit
Nachbarschaft ist für Therese Dumas kein zentraler Anker, aber ein selbstverständlicher Teil ihres Alltags. Sie sucht Kontakte nicht gezielt, schätzt jedoch die Begegnungen, die sich ergeben. Auch im Haus erlebt sie einen respektvollen Umgang und einzelne Kontakte, die für sie stimmig sind.
Getragen wird ihr soziales Leben vor allem von der Familie: Sie hat viele Enkel und Urgrosskinder und erhält regelmässig Besuch.
Die familiären Beziehungen prägen ihren Alltag auch sprachlich und kulturell. Beide Töchter leben mit spanischsprachigen Männern aus Südamerika. Spanisch gehört deshalb für Therese Dumas zum Alltag. Sie lernt die Sprache mit Hörbuch-CDs und telefoniert regelmässig mit einer spanischsprachigen Freundin. Lesen ist ihr nicht mehr möglich, das Lernen hingegen schon.
Im Haus gibt es zahlreiche Angebote und Aktivitäten, doch bislang hat Therese Dumas aus zeitlichen Gründen davon wenig genutzt.
Wichtig sind für sie derzeit externe Angebote, insbesondere jene vom SZBLIND. Dort besucht sie Kurse und nimmt freiwillige Begleitungen sowie Kommunikationsassistenz in Anspruch. «Ich bin sehr zufrieden mit diesem Angebot», sagt sie. Gleichzeitig zieht sie klare Grenzen: Unterstützung ja, Abhängigkeit nein.
Diese Haltung zeigt sich auch im Wohnalltag. Sie besteht auf Privatsphäre. «Die Leute mussten lernen, dass sie nicht einfach klopfen und eintreten können.» Das hier sei doch kein Spital! Alle sollen klingeln. Sie öffnet selbst. Für sie sind solche Regeln Ausdruck von Selbstbestimmung.
Zur Vorbereitung auf mögliche weitere Veränderungen gehört für Therese Dumas auch das Lormen, das Tastalphabet für Menschen mit Taubblindheit. Diese Kommunikationsform nutzt sie mit Freude, etwa mit ihren Enkeln und Urgrosskindern, mit denen sie mithilfe eines Tasthandschuhs «plaudert». «Man weiss ja nie, wie es weitergeht», sagt sie. In einer Ferienwoche des SZBLIND begegnete sie zudem Menschen, die ebenfalls über Lormen kommunizierten – die gegenseitige Freude über das gemeinsame Verständigen war gross.
Einsamkeit ist für Therese Dumas kein unabwendbares Schicksal. «Viele Leute sind unglücklich mit ihrer Situation», sagt sie. «Aber da muss man selbst etwas dagegen tun.» Ihr Blick bleibt nach vorne gerichtet. Sie interessiert sich für Kultur, für Philosophie, für Weltpolitik. Ihr Tagesablauf ist klar strukturiert: Der Morgen beginnt mit Gymnastik. Danach folgt, was ansteht.
Der Umzug ins Irides war für Therese Dumas ein Einschnitt. «Er war hart», sagt sie. «Aber er war richtig.» Wohnen im Alter bedeutet für sie nicht Rückzug, sondern Anpassung. Weniger Raum, mehr Übersicht. Unterstützung dort, wo sie nötig ist. Eigene Entscheidungen dort, wo sie selbst getroffen werden können. Wichtig ist für sie vor allem eines: den Alltag weiterhin eigenständig zu gestalten – heute und so lange wie möglich.

Bild: SZBLIND

