Hörbuch- und Lesetipps 1/2026
Hörbuch-Tipp
Ruth Weber: B. und der König
Die junge Appenzellerin Berta weiss, dass ihr ein Leben als Bauersfrau bevorsteht. Doch sie möchte studieren und Lehrerin werden. Ihre Familie lacht nur über diese absurden Vorstellungen. Als sich ein Bauer auf dem Heimweg an ihr vergeht und sich kurz darauf der Nachbarsjunge, den sie liebt, mit einer anderen verlobt, will sie nur noch flüchten. Ihre Eltern entscheiden, dass sie in der Stadt als Dienstmagd bei einem Arzt und seiner Familie den Ernst des Lebens kennenlernen soll. Während dieser Zeit wird Berta von Stimmen und Visionen heimgesucht. Berta ist davon überzeugt, dass der Teufel sie zur Braut will. Was heute als Schizophrenie mit stark depressiven Zügen gewertet würde, war zu Bertas Lebzeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch weitgehend unbekannt. Erleichterung findet Berta schliesslich im Glauben. Der Herrgott werde sie erlösen, so hofft sie. Nach zwei Jahren als Magd wird sie wieder nach Hause geschickt. Da der Nachbarsjunge inzwischen eine andere geheiratet hat, denkt sich Berta, dass zumindest der Herrgott sie zur Braut haben will und tritt in ein Kloster ein. Da ihre Krankheit zurückkehrt und die Trugbilder sie wieder quälen, wirkt sie oft abgelenkt und wird nur für niedere Arbeiten eingeteilt. Jahre später sind ihre Wahnvorstellungen so schlimm, dass sie das Kloster verlässt. Nach einigen Monaten der Erholung geht sie wieder in einem Haushalt in Stellung. Doch die Visionen kehren zurück, und schliesslich wird sie in einer Heil- und Pflegeanstalt untergebracht, wo sie erstmals medikamentös behandelt wird.
Die 1971 geborene Schweizer Autorin Ruth Weber basiert ihre Protagonistin auf den spärlichen Lebensdaten ihrer Grosstante J. Z. Weber beschreibt die psychische Erkrankung Bertas in erschütternden Bildern. Als Leser sieht man die Welt durch die Augen der leidenden Frau und fühlt ihre Qualen, versteht ihre Verzweiflung. Dass sie am Ende ein wenig Glück findet, lässt einen hoffen, dass auch J. Z. ihren Platz im Leben noch gefunden hat.
Weber, Ruth: B. und der König
Schwellbrunn: Orte Verlag, 2025. Ausleihe: DS 61964
Braille-Tipp
Eva Strasser: Wildhof
Lina hat ihre Eltern Richard und Henny bei einem Autounfall verloren. Traurig, wütend und verloren kehrt die knapp 30-Jährige widerwillig nach Wildhof im Schwarzwald zurück, um aufzuräumen, abzuschliessen und einen Käufer für das marode Haus und das verwilderte Grundstück zu finden. Dabei stürzen mit voller Wucht die Erinnerungen auf sie ein – nicht zuletzt an ihre Zwillingsschwester Luise, die als 13-Jährige spurlos verschwand.
Eva Strasser hat mit «Wildhof» ein starkes Buch über den Verlust und das Weitermachen geschrieben. In eindrücklichen Bildern beschreibt sie die Zerrissenheit eines Menschen, der sich in einer Ausnahmesituation befindet, die tiefe Trauer und die unbändige Wut, die Lina immer wieder überrollen, weil sie sich all dem stellen muss, wovor sie viele Jahre fliehen und die Augen verschliessen konnte. Ein ungewöhnlich geschriebenes und dabei sehr nahe gehendes Debut, das in poetischer Sprache das Ringen um Versöhnung beschreibt.
Strasser, Eva: Wildhof
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2025. 3 Bd. 311 S. Ausleihe: BG 42413
Information
Alle vorgestellten Bücher sind ausleihbar bei der SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte: nutzerservice@sbs.ch, Telefon 043 333 32 32, www.sbs.ch.

