Wie aus Alltagsproblemen neue Lösungen für Menschen mit Sehbeeinträchtigung entstehen
Innovation für mehr Teilhabe
von Michel Bossart, Redaktion tactuel

Viele Innovationen beginnen mit einer einfachen Beobachtung aus dem Alltag. Forschende, Studierende und Betroffene entwickeln daraus neue Lösungen – von digitalen Hilfsmitteln bis zu Navigationssystemen für blinde Fussgänger. In der Schweiz treffen dafür Forschung, Innovationsförderung und Auszeichnungen aufeinander.
Die Schweiz gilt als innovationsstarkes Land. Hochschulen, Unternehmen und Förderstellen arbeiten eng zusammen. Besonders sichtbar wird dieses Zusammenspiel im Bereich der Inklusion. Neue Technologien und Dienstleistungen sollen den Alltag von Menschen mit Behinderungen erleichtern. Forschung, Förderung und öffentliche Anerkennung greifen dabei ineinander.
Ein Beispiel dafür ist die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich. Hier entstehen Innovationen nicht nur am Schreibtisch, sondern im direkten Austausch mit Betroffenen.
Innovation beginnt im Alltag
An der HfH spielt Co-Creation eine zentrale Rolle. Studierende, Forschende und Menschen mit Behinderungen entwickeln gemeinsam Lösungen für konkrete Probleme. Besonders sichtbar wird dieser Ansatz im «DigiCamp». Studierende verschiedener Hochschulen – darunter ETH Zürich, Zürcher Hochschule der Künste und OST – arbeiten dort mehrere Tage lang zusammen mit Menschen mit Behinderungen an neuen Ideen. Ziel ist kein fertiges Produkt, sondern ein erster Prototyp.
Ingo Bosse, Professor für ICT an der HfH, beschreibt den Ansatz so: «Wir arbeiten mit Design Thinking und entwickeln sehr schnell Prototypen, in denen unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.» Die Ausgangspunkte sind oft unscheinbar: Eine sehbeeinträchtigte Schülerin braucht Hilfe beim Lesen eines Stundenplans. Ein Schüler sucht nach einer besseren Möglichkeit, Lernmaterialien zu ertasten. Aus solchen Alltagsproblemen entstehen Ideen für neue Anwendungen. Bosse erinnert sich besonders an Projekte, bei denen Studierende ohne grosse Programmiererfahrung erstaunlich weit kamen. Ebenso wichtig sei gewesen, wie aktiv sich die beteiligten Schülerinnen und Schüler mit ihren eigenen Fähigkeiten einbringen konnten.
Wenn Disziplinen zusammenarbeiten
Der Erfolg solcher Projekte hängt stark von der Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen ab. Technikstudierende bringen Programmier- und Hardwarekenntnisse ein. Designstudierende strukturieren den Entwicklungsprozess. Menschen mit Behinderungen liefern die entscheidenden Anwendungserfahrungen.
Für Bosse liegt darin ein zentraler Innovationsfaktor. Technisches Wissen allein genüge nicht, wenn der praktische Nutzen unklar bleibe. Umgekehrt könnten gute Ideen ohne technische Umsetzung nicht realisiert werden. Erst das Zusammenspiel führe zu Lösungen, die im Alltag bestehen.
Aus solchen Projekten sind bereits verschiedene Prototypen hervorgegangen. Dazu gehören etwa Apps zum Vorlesen von Stundenplänen, Halterungen für Blindenstöcke oder ein Rubik-Würfel, der auch von blinden Menschen genutzt werden kann. Neben solchen Entwicklungsformaten betreibt die HfH auch eigene Forschung. Die Fachstelle «ICT for Inclusion» beschäftigt sich mit digitaler Teilhabe und assistiven Technologien. In den Projekten der Fachstelle entstehen Konzepte, die später von Unternehmen weiterentwickelt werden können.
Förderung durch Innosuisse
Damit aus Prototypen marktfähige Lösungen werden, braucht es finanzielle Unterstützung. Eine zentrale Rolle spielt Innosuisse, die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung. Sie unterstützt wissenschaftsbasierte Projekte mit Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft. Gefördert werden Vorhaben von Hochschulen, Start-ups, Unternehmen oder Non-Profit-Organisationen.
Auch im Bereich der Sehbehinderung wurden mehrere Projekte unterstützt. Ein Beispiel ist AiWEAR, ein Brillensystem mit künstlicher Intelligenz, das Hindernisse erkennt und sehbehinderte Menschen warnt. Beteiligt sind unter anderem die ETH Zürich und das Forschungszentrum CSEM.
Ein weiteres Projekt war die Entwicklung eines Rollators speziell für Menschen mit Sehbeeinträchtigung, an dem die Ostschweizer Fachhochschule OST und der SZBLIND beteiligt waren.
Auch digitale Anwendungen gehören zum Förderspektrum. Das Projekt VIRAS untersuchte, wie sehbeeinträchtigte Menschen beim Einkaufen besser navigieren können. Ein besonders bekanntes Beispiel ist biped. Das System funktioniert als elektronischer «Co-Pilot» für blinde Fussgängerinnen und Fussgänger. Sensoren erkennen Hindernisse und warnen akustisch davor. Das Projekt entstand aus der Forschung und wurde von Innosuisse unterstützt.
Solche Beispiele zeigen, wie Innovation in diesem Bereich häufig entsteht: Forschungseinrichtungen entwickeln Technologien, Förderstellen ermöglichen die Entwicklung, Unternehmen bringen die Produkte auf den Markt.
Der schwierige letzte Schritt
Gerade dieser Übergang bleibt eine Herausforderung. Viele Projekte bleiben im Prototypstadium. Bosse sieht hier vor allem Unternehmen in der Verantwortung. Sie müssten den Schritt zur Serienproduktion und zum Vertrieb gehen. Institutionen wie das Wyss-Center im Umfeld von ETH und Universität Zürich können solche Transferprozesse unterstützen. Wichtig sei zudem die Vernetzung. In der Allianz Digitale Inklusion Schweiz (ADIS) arbeiten Hochschulen, Unternehmen und Organisationen zusammen. Ziel ist es, Wissen zu bündeln und Innovationen schneller in die Praxis zu bringen.
Preise als Innovationsmotor
Neben Forschung und Förderprogrammen spielen auch Auszeichnungen eine Rolle. Sie machen Projekte sichtbar und würdigen neue Lösungen. Im Schweizer Sehbehindertenwesen ist vor allem der Prix de la Canne blanche bekannt. Der SZBLIND verleiht die Auszeichnung an Projekte, die den Alltag von Menschen mit Sehbeeinträchtigung verbessern. Seit 1998 wurde der Preis neunmal vergeben. Dieses Jahr findet die zehnte Verleihung statt.
Norbert Schmuck, ehemaliger langjähriger Leiter Marketing und Kommunikation beim SZBLIND, erinnert sich an die ursprüngliche Idee hinter dem Preis. Die Auszeichnung sollte das Sehbehindertenwesen stärker ins öffentliche Bewusstsein bringen und Innovationen würdigen, die Menschen konkret helfen. Gleichzeitig habe man bewusst auch Projekte von ausserhalb der Mitgliedsorganisationen ausgezeichnet. Der Preis sollte nicht als «Selbstbeweihräucherung» verstanden werden, wie er sagt.
Die Liste der Preisträger zeigt, wie unterschiedlich Innovation aussehen kann. Zu den frühen Auszeichnungen gehört ein elektronischer Informationskiosk, der blinden Menschen erstmals einen selbstständigen Zugang zu digitalen Informationen im öffentlichen Raum ermöglichte. Auch Dienstleistungen wurden gewürdigt. Die SOS-Bahnhofhilfe zum Beispiel unterstützt Reisende – darunter auch Menschen mit Sehbeeinträchtigung – bei Orientierung und Umstieg.
Mit der Digitalisierung rückten technische Lösungen stärker in den Vordergrund. 2008 erhielt die Stiftung «Zugang für alle» die Auszeichnung für ihre Arbeit an barrierefreien Websites. Und 2023 ging der Prix de la Canne blanche an biped – jenes Navigationssystem für blinde Fussgänger, das zuvor bereits durch Innovationsförderung unterstützt worden war.
Für Schmuck liegt genau darin die Stärke des Preises. Die Auszeichnung bringe Projekte an die Öffentlichkeit, die sonst wenig Aufmerksamkeit erhielten. Die Anerkennung wirke für viele Beteiligte motivierend, sagt er.
Ein Zusammenspiel mit Wirkung
Die Beispiele zeigen: Innovation für Inklusion entsteht selten isoliert. Hochschulen entwickeln Ideen. Förderinstitutionen finanzieren Forschung und Umsetzung. Unternehmen übernehmen Produktion und Vertrieb. Preise schaffen Aufmerksamkeit.
Gerade dieses Zusammenspiel prägt den Innovationsstandort Schweiz. Entscheidend ist nicht die Zahl der Projekte, sondern ihre Wirkung. Innovation erfüllt ihren Zweck erst dann, wenn aus guten Ideen Lösungen werden, die im Alltag von Menschen mit Sehbeeinträchtigung tatsächlich etwas verändern.
Canne blanche Auszeichnungen seit 1998
1998 – Elektronischer Kiosk für blinde und sehbehinderte Menschen
Erstes öffentlich zugängliches Informationssystem in der Schweiz, das sehbeeinträchtigten Menschen selbstständigen Zugang zu elektronischen Informationen ermöglichte.
2000 – SOS-Bahnhofhilfe
(Compagna Schweiz / Pro Filia)
Freiwilligendienst an Bahnhöfen, der Reisenden – darunter auch blinden und sehbeeinträchtigten Menschen – Unterstützung und Orientierung bietet.
2003 – Blindenskischule St. Moritz
Spezialisierte Skischule, die Menschen mit Sehbeeinträchtigung den Wintersport unter professioneller Anleitung ermöglicht.
2005 – Schweizerische Bundesbahnen (SBB)
Engagement für mehr Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr und Verbesserungen für sehbeeinträchtigte Reisende.
2008 – Stiftung «Zugang für alle»
Förderung barrierefreier Websites und digitaler Angebote, damit auch blinde Menschen Informationen im Internet nutzen können.
2011 – Kunstmuseum Wallis
(Projekt «Berühren Sehen / toucher voir»)
Taktile Museumsvermittlung, die Kunstwerke für blinde und sehbeeinträchtigte Besucher erfahrbar macht.
2014 – Verein Base-Court
(Projekt «Regards Neufs»)
Audiodeskription im Kino, die blinden und sehbeeinträchtigten Menschen den Zugang zu Filmkultur erleichtert.
2020 – SBB Inclusive
(Kundeninformations-App der SBB)
Barrierefreie Smartphone-App, die sehbeeinträchtigten Reisenden Orientierung und Reiseinformationen am Bahnhof bietet.
2023 – biped
KI-gestützter «Co-Pilot» für blinde Fussgänger, der Hindernisse erkennt und akustisch vor ihnen warnt.
2026 – Gewinnerprojekt folgt bald unter:
www.szblind.ch/canne-blanche

