Drei Projekte, ein Ziel

Welches Projekt das Publikum am meisten überzeugt hat, wird SZBLIND in Kürze bekannt geben. Die offizielle Preisverleihung des Prix de la Canne blanche findet am 15. September 2026 im Kino Koni in Zürich statt.

Gewinnerstatue des Prix de la Canne blanche
Bild: Damian Imhof

Von Michel Bossart, Redaktion tactuel, und Kathrin Schellenberg, Chefredaktorin tactuel

Von einem intelligenten Einkaufswagen über einen Erlebniskoffer für Emotionen bis hin zu einer App, die Sehbehinderungen simuliert: Für den Prix de la Canne blanche 2026 hat eine nationale Fachjury aus 27 Eingaben drei sehr ­unterschiedliche Projekte nominiert. Gemeinsam ist ihnen der Anspruch, den Alltag von Menschen mit Sehbeeinträchtigung zugänglicher zu machen. ­Mitte Juni startete über «20 Minuten» das Publikumsvoting, das inzwischen abgeschlossen ist. Der Gewinner wird in Kürze bekanntgegeben. Die Preis­verleihung findet am 15. September 2026 im Kinokoni in Zürich statt.

Der Prix de la Canne blanche zeichnet Projekte aus, die innovative Impulse für Menschen mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigung setzen. Vergeben wird die Auszeichnung vom SZBLIND als Dachorganisation des Schweizerischen Sehbehindertenwesens – in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal. Die diesjährigen Nominationen zeigen eindrücklich, wie breit das Spektrum möglicher Ansätze ist: von technischer Assistenz im Supermarkt über inklusive Bildungsarbeit bis hin zu Sensibilisierung und Perspektivenwechsel.
Die drei Projekte unterscheiden sich nicht nur thematisch, sondern auch in ihrer Herangehensweise. Während eines auf Robotik und künstliche Intelligenz setzt, arbeitet ein anderes mit Tastsinn, Geräuschen und pädagogischen Materialien. Das dritte wiederum nutzt Smartphone-Technologie, um sehenden Menschen die Wahrnehmung von Sehbeeinträchtigungen näherzubringen. Gemeinsam ist allen Projekten jedoch, dass sie konkrete Hürden im Alltag abbauen und gesellschaftliche Teilhabe stärken.

Projekt 1: Emoti’Sens – pädagogischer ­Erlebniskoffer zur Förderung emotionaler ­Kompetenzen; Universität Genf

Taktile Emotionsmasken aus dem Emoti‘Sens-Koffer machen Gesichtszüge fühlbar. / Bild: zVg

Kinder lernen Emotionen häufig über Gesichtsausdrücke. Ein Lächeln signalisiert Freude. Zusammengezogene Augenbrauen deuten auf Ärger hin. Für Kinder mit Sehbeeinträchtigung ist dieser Zugang eingeschränkt. Genau hier setzt «Emoti’Sens» an. Der pädagogische Erlebniskoffer vermittelt Emotionen multisensorisch, insbesondere über den Tastsinn und das Gehör.
Entwickelt wurde das Projekt an der Universität Genf unter der Leitung des Psychologieprofessors Edouard Gentaz. Hinter dem Konzept steht ein Forschungsprojekt, das vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt wird. Ziel ist es, Kindern mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigung einen alternativen Zugang zu emotionalem Lernen zu ermöglichen.
Herzstück des Projekts ist ein Koffer mit taktilen Materialien, Audioinhalten und einem Leitfaden für Fachpersonen. Kinder ertasten verschiedene Oberflächen und ordnen ihnen Gefühle zu – etwa Wut für raue Strukturen oder Geborgenheit für weiche Materialien. Zum Koffer gehören auch taktile Emotionsmasken, die Gesichtszüge fühlbar machen. Weitere Übungen arbeiten mit Stimmen, Geräuschen und Tonlagen.
Auffällig ist der partizipative Ansatz: Sehbehinderte Kinder testeten frühe Prototypen und gaben Rückmeldungen, wodurch Materialien vereinfacht oder erweitert wurden. Laut Projektteam war dieser Prozess entscheidend, um Materialien zu entwickeln, die sich tatsächlich an den Wahrnehmungsweisen der Kinder orientieren.
Auch bei der Produktion arbeiteten spezialisierte Partner mit. Die taktilen Elemente entstanden gemeinsam mit dem französischen Verlag «Mes Mains en Or», die Audioinhalte sprach die blinde Erzählerin Yasmina Crabières ein.
Der multisensorische Ansatz soll auch für Kinder mit zusätzlichen sensorischen oder kognitiven Einschränkungen geeignet sein. Gleichzeitig verstehen die Verantwortlichen «Emoti’Sens» als inklusives Werkzeug für gemischte Gruppen.
Der Koffer gilt heute als wissenschaftlich getestet und validiert. Derzeit werden Mittel gesucht, um weitere Exemplare zu produzieren und die Verbreitung in Bildungs- und sozialmedizinischen Einrichtungen auszubauen. Zudem ist eine Weiterbildung für Fachpersonen geplant.
Die Stärke des Projekts liegt in der Verbindung von Forschung, Praxis und Inklusion. «Emoti’Sens» erklärt Emotionen nicht nur theoretisch, sondern macht sie mit allen Sinnen erfahrbar.

Projekt 2: VIRAS – der intelligente Einkaufs­wagen; Ostschweizer Fachhochschule

Der autonome Einkaufswagen «VIRAS» ermöglicht selbstständiges Einkaufen. / Bild: Ostschweizer Fachhochschule

Einkaufen gehört zum Alltag – für Menschen mit Blindheit oder Sehbeeinträchtigung kann der Gang in den Supermarkt jedoch schnell zur Herausforderung werden. Produkte wechseln ihren Standort, Preisschilder bleiben unlesbar und digitale Waagen sind oft schwer bedienbar. Genau hier setzt «VIRAS» an. Der autonome Einkaufswagen soll selbstständiges Einkaufen ermöglichen.
Entwickelt wird VIRAS – kurz für «Visually Impaired Robot-Assisted Shopping» – von der Ostschweizer Fachhochschule gemeinsam mit Partnern aus Forschung, Industrie und Detailhandel, darunter die Migros Ostschweiz, Blindenorganisationen und Technologieunternehmen wie Wanzl.
Die Nutzerinnen und Nutzer steuern den Wagen über ihr Smartphone. Dort können Einkaufslisten erstellen oder Produkte suchen. Anschliessend navigiert der Wagen autonom durch den Supermarkt und führt die Person zum gewünschten Regal. Vor Ort beschreibt das System die verfügbaren Produkte akustisch – über Lautsprecher, Kopfhörer oder gekoppelte Hörgeräte. Möglich wird dies durch künstliche Intelligenz, Sensorik und automatische Produkterkennung. Laut Projektteam erkennt VIRAS Produkte unabhängig von Barcodes oder Verpackungsvarianten.
Besonders auffällig ist die sogenannte Handführung: Ein integriertes Tracking-System soll die Hand gezielt zum gewünschten Produkt lenken. Zusätzlich verfügt der Einkaufswagen über eine barrierefreie Waage im Griffbereich. Ein Zustimmungsschalter sorgt dafür, dass der Wagen nur fährt, wenn ihn die nutzende Person bewusst aktiviert und festhält.
Der Prototyp wird derzeit unter realen Bedingungen in einer Migros-Filiale in Hinwil getestet. Ab Mitte 2026 ist eine Pilotphase mit blinden und sehbeeinträchtigten Personen geplant. Ziel ist die Evaluation und Weiterentwicklung des Systems unter praxisnahen Bedingungen. Ergänzend untersucht das Institut für Altersforschung der OST, wie sich das System auch für ältere oder mobilitätseingeschränkte Menschen nutzen lässt. Wie zuverlässig VIRAS in hektischen Alltagssituationen funktioniert, wird sich erst im Praxiseinsatz zeigen. Das Potenzial ist dennoch gross: Einkaufen bedeutet nicht nur Versorgung, sondern auch Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe.

Projekt 3: Visions – Sehbeeinträchtigung sichtbar machen; Fondation Asile des aveugles

Die App «Visions» simuliert Sehbehinderungen / Bild: Fondation Asile des aveugles

Wie sieht ein Fussgängerstreifen für jemanden mit Tunnelblick aus? Was erkennt eine Person mit Makuladegeneration noch von ihrer Umgebung? Genau solche Fragen will die App «Visions» beantworten. Die Anwendung simuliert verschiedene Sehbehinderungen direkt über die Kamera eines Smartphones oder Tablets und macht sichtbar, was für viele Menschen sonst abstrakt bleibt. Entwickelt wurde die App von der Fondation Asile des aveugles.
Das Projekt reagiert auf die Beobachtung, dass Sehbeeinträchtigungen für sehende Menschen oft schwer nachvollziehbar sind. Angehörige, Lehrpersonen oder Fachkräfte aus Pflege und Sozialwesen kennen die Einschränkungen zwar theoretisch, können sich die tatsächliche Wahrnehmung aber häufig nur schwer vorstellen. Daraus entstehen laut Projektteam oft Missverständnisse und unzureichend angepasste Umgebungen.

Die App zeigt reale Situationen live und überlagert sie mit verschiedenen Simulationen von Sehbehinderungen. Nutzerinnen und Nutzer erleben beispielsweise eingeschränkte Gesichtsfelder, verschwommene Bereiche oder Kontrastprobleme. Auch progressive Krankheitsverläufe lassen sich darstellen.
Die Anwendung basiert laut Projektbeschrieb auf klinischer und medizinischer Expertise sowie auf Erfahrungen aus der Arbeit mit Menschen mit Sehbeeinträchtigung. Ziel ist keine perfekte Nachbildung individueller Wahrnehmung, sondern ein besseres Verständnis typischer Einschränkungen.
Die App setzt auf differenzierte Darstellungen und Perspektivenwechsel. Im Unterschied zu manchen Virtual-Reality-Lösungen benötigt «Visions» zudem keine Spezialgeräte. Mehrere Personen können dieselbe Simulation gleichzeitig betrachten und darüber diskutieren. Das Projektteam sieht darin Vorteile für Schulungen, Unterricht oder Gespräche zwischen Fachpersonen, Angehörigen und Betroffenen.
Die App richtet sich entsprechend an ein breites Publikum: an Schulen, Pflegeinstitutionen, Ausbildungsstätten und das private Umfeld. Zudem kann sie die Entwicklung des Sehvermögens von Kindern simulieren. Geplant sind bereits weitere Krankheitsbilder, zusätzliche Funktionen und neue Sprachversionen.

Unterschiedliche Wege, gemeinsames Ziel
Die drei nominierten Projekte unterscheiden sich deutlich in ihren Ansätzen. VIRAS setzt auf technologische Assistenz im Alltag, Emoti’Sens auf multisensorisches Lernen und Visions auf Sensibilisierung und Perspektivenwechsel. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Fokus auf Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion.
Auffällig ist zudem, dass alle Projekte eng mit Betroffenen zusammenarbeiten. Menschen mit Sehbeeinträchtigung waren nicht nur Zielgruppe, sondern aktiv in Entwicklung, Tests oder Feedbackprozesse eingebunden. Damit spiegeln die Nominationen auch einen Wandel im Innovationsverständnis wider: Lösungen sollen nicht mehr nur für Betroffene entstehen, sondern gemeinsam mit ihnen.