Fast die Hälfte ist betroffen
Sehbehinderungen und Sehauffälligkeiten bei mehrfachbehinderten Schülerinnen und Schülern
Während zwei Schuljahren lief im deutschen Bundesland Bayern ein neues Modellprojekt, das evaluiert, welche Beratung und Unterstützung gerade blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler benötigen, die auch in der geistigen Entwicklung gefördert werden müssen. Nun liegen die Ergebnisse vor.
Das Modellprojekt wurde von der Blindeninstitutsstiftung, der Johann Wilhelm Klein-Akademie und der Universität Würzburg gemeinsam entwickelt und durchgeführt. In 26 Projektschulen, die Kinder mit geistigen, körperlichen und motorischen Entwicklungsstörungen fördern, wurden ab dem Schuljahr 2010 / 2011 Fragebögen verteilt, Gespräche geführt, Datenbanken ausgewertet und Sehtests vorgenommen.
Schwere der Behinderung
Schon das erste Ergebnis lässt aufhorchen: Bei der untersuchten Schülergruppe von 601 Personen zeigte sich, dass knapp die Hälfte (45 Prozent) eine Sehbehinderung oder Sehauffälligkeit zeigen – dabei wurden auch Kinder berücksichtigt, bei denen vermutlich eine visuelle Wahrnehmungsstörung oder eine CVI-Problematik vorliegt. Zwei Drittel von ihnen hatte bislang keine Unterstützung durch Fachpersonen erfahren, die über spezifische Kenntnisse im Umgang mit Sehbehinderungen verfügen. Rechnet man diese Zahlen hoch, so ist von fast 5’000 Schülerinnen und Schülern im ganzen Bundesland Bayern auszugehen, die von Unterstützung und Beratung profitieren könnten.
Auch das zweite Ergebnis ist bemerkenswert: Zwischen der Schwere der Behinderung und der Art der Sehschädigung existiert ein deutlicher Zusammenhang: Alle blinden und hochgradig sehbehinderten Schülerinnen und Schüler wiesen gleichzeitig auch eine schwere oder schwerste geistige Behinderung auf. Schülerinnen und Schüler mit leichter bis mittelgradig geistiger Behinderung zeigten vor allem Sehauffälligkeiten. Es zeigte sich weiter, dass nicht nur die weniger stark eingeschränkten Schüler „unversorgt“ blieben, sondern auch Kinder mit Blindheit oder hochgradiger Sehschädigung.
Blindenpädagogik muss sich anpassen
Andere Ergebnisse sind schwieriger zu fassen. So zeigte sich bei der Hälfte aller Kinder, die als sehauffällig, sehbehindert oder blind eingestuft wurden, auch noch weiterer Förderbedarf – vor allem bei der motorischen Entwicklung, der Wahrnehmung, bei der Kommunikation, der Lebenspraxis und im emotionalen und sozialen Bereich. Doch ihr Leistungsvermögen ist sehr individuell. Jede Beratung muss sich daher an den konkreten Bedürfnissen der jeweiligen Schülerinnen und Schüler orientieren. So ist auch das Unterstützungsangebot der Fachpersonen breit gefächert. Ihre Leistungen reichen von der Diagnose und Beratung über die Vermittlung von Grundlagenwissen der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik bis hin zum Besprechen von schulischen Problemen zusammen mit der Lehrperson. Und jeder Fall ist anders: Der Entwicklungsstand und die Art und Schwere der Behinderung muss immer wieder berücksichtigt werden.
Die besonderen Bedürfnisse der Zielgruppe führen daher dazu, dass „klassische“ Inhalte der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik – wie Braille-Lernen oder Mobilitätstraining – eine untergeordnete Rolle spielen. Der gesamte „Förderbereich Sehen“ muss beachtet werden, da mehrfachbehinderte Kinder eine Sehbehinderung oder Blindheit deutlich schwerer kompensieren können als Kinder mit Normalbegabung. Blinde Kinder erhielten in der Untersuchung im Durchschnitt mehr Zeit für Beratung und Unterstützung als Kinder mit Sehauffälligkeiten. In der Beratung der Lehrpersonen kommen „grundlegende“ Themen – zum Beispiel gute Kontraste und Beleuchtungen im Klassenzimmer oder eine entsprechende Arbeitsraumgestaltung – zur Sprache, auch erhalten die Lehrerinnen und Lehrer spezifische didaktische Tipps und lernen Förderansätze kennen.
Nur ein Thema von vielen
Viele Prinzipien und Methoden, die als blinden- oder sehbehindertenspezifisch gelten, kommen in der Arbeit mit mehrfachbehinderten Schülerinnen und Schülern auch unabhängig davon zum Einsatz: Ein Sprechen, das von Handlungen begleitet wird, die Ankündigung von Berührungen, sensible und körperbezogene Kontaktaufnahmen, aber auch die Möglichkeit, taktile und akustisch wahrnehmbare Materialien zu nutzen und Räume möglichst vor Reizüberflutung zu schützen.
Obgleich die Lehrpersonen an den untersuchten Projektschulen den „Förderbereich Sehen“ als wichtig einstuften, zeigte sich, dass nur wenig Kenntnisse über Sehbehinderung und Blindheit vorhanden waren. Die Beratung und Unterstützung durch ein Team von Fachpersonen wurde von den meisten als wohltuend eingeschätzt, als gut und hilfreich. Doch der Rücklauf der Antworten war auch gering, und für Interviews zur besseren Auswertung hatten die befragten Lehrpersonen keine Zeit. Dies zeigt, dass der Bereich „Sehen“ im Umgang mit mehrfachbehinderten Kindern zwar eine Rolle spielt, aber nur einen Aspekt unter vielen darstellt. Es überrascht daher kaum, dass viele Lehrpersonen das Angebot an sehbehindertenspezifischer Beratung zwar durchaus schätzten, aber auch gleichzeitig wünschten, nur bei Bedarf darauf zurückzugreifen und keinen zusätzlichen Arbeitsaufwand zu haben.
Weitere Informationen bei Dr. Wolfgang Drave: wolfgang.drave@jwk-akademie.de
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