Nicht nur für Stock und Uhren
Ein Rundgang über die Hilfsmittelmesse SightCity in Frankurt
Seit zehn Jahren präsentiert die SightCity Innovationen und bewährte Produkte, die den Alltag von blinden und sehbehinderten Menschen erleichtern sollen. Hier hat man Zeit, Haushaltsgeräte zu probieren, neue Elektronik zu testen oder auch einen Blick in die Zukunft zu werfen.
von Ann-Katrin Gässlein

Ansicht über die Messehalle der SightCity in Frankfurt. An Stehtischen und Messeständen unterhalten sich Besucher und Aussteller.
Bild: Sight City
Die Marketingleiterin einer japanischen Firma will es ganz genau wissen: Was wünschen die blinden Stockträgerinnen und Stockträger der Schweiz? Sind Stöcke mit zusätzlichen LED-Lampen attraktiv? Sie können doch entgegenkommenden Autos im Nebel oder Regen ein Zeichen geben. „Die Qualität ist das Wichtigste“, gibt Stephan Mörker, Leiter des Ressorts Hilfsmittel beim SZBLIND, zur Antwort. So ein Stock muss stabil sein, einiges aushalten und vielseitig zur Anwendung kommen. Zudem haben die blinden und sehbehinderten Käuferinnen und Käufer unterschiedliche Bedürfnisse: Einige bevorzugen Gummigriffe, andere ergonomische Holzgriffe. In der Zukunft kann sich Stephan Mörker Stöcke vorstellen, die verschiedene Bedürfnisse gleichzeitig erfüllen: Warum nicht mal über eine Mischung aus Weissem Stock und Wanderstock nachdenken?
Zu dritt sind wir Ende April auf der Frankfurter Messe „SightCity“ unterwegs. Im Sheraton-Hotel direkt am Flughafen hat Europas grösste Hilfsmittelmesse für Blinde und Sehbehinderte ihre Zelte aufgeschlagen. Fast 120 Aussteller aus über 20 Ländern sind präsent. Auch Schweizer Firmen wie Alexandra Vision, Bones oder solche mit Schweizer Ableger wie Baum Retec.
Modische Details und Qualitätsarbeit
Stöcke sind natürlich die Klassiker unter den die blindentechnischen Hilfsmitteln, und wir schauen uns die Angebote genau an. Einen zweiten Schwerpunkt bilden die Uhren, sprechend und oder taktil ausgerüstet. Auf der Auslagefläche von Kolless entdecken wir eine Funkuhr, die sich selbst synchronisiert, zum Teil in Handarbeit angefertigt, mit Ziffernblättern, die auf die Garderobe der Kundinnen und Kunden abgestimmt sind. „Beliebt sind Uhren in den Farben der Landesflagge“, erzählt die Verkäuferin. Damit könne man sich auch international positionieren.
„Hier gibt es eine Menge Versuche, neue Innovationen zu entwickeln“, meint Stephan Mörker. Aber der Branche sei in Bewegung, und GPS-Geräte und neue Applikationen für i-Phone und Co strömen auf den Markt. „Haltbar und wasserfest müssen sie sein“, so lautet sein Anspruch an geeignete Uhren für blinde und sehbehinderte Menschen. Die Uhrzeit muss von einer angenehmen Stimme vorgelesen und der Display low vision-gerecht gestaltet werden. Alles andere ist aus seiner Sicht ein „nice to have“.

„Klassiker“ wie Spiele, Blindenstöcke und Uhren neben technischen Neuheiten: Smartphone-Anwendungen, Navigationssysteme, Lesegeräte.
Bild: Ann-Katrin Gässlein
Die Fachmesse ist auch eine gute Gelegenheit, um Kontakte zu knüpfen und mit Lieferanten über neue und bewährte Produkte zu sprechen. Nicht alle sind direkt mit einem Stand vertreten, sondern schleichen gewissermassen übers Parkett und plaudern in den Café-Zonen: „Bei vielen neuen Produkten wird erst die Zeit zeigen, ob sie sich wirklich bewähren“, so Stephan Mörker. Trotzdem ist er neugierig und schlägt kein Gesprächsangebot aus. „Es lohnt sich immer, den Blick zu erweitern. Schliesslich wollen wir wissen, was in den nächsten Jahren läuft“.
Wenn das Pulsband vibriert
Es gleicht einem Pulsband mit drei Knöpfen, ums Handgelenk geschlungen. Zusammen mit einem kleinen Lautsprecher ist das System schon einsatzbereit: „Guiding your way“ heisst das Orientierungssystem für blinde und sehbehinderte Menschen, mit dem grössere Gebäude wie Einkaufszentren oder Flughäfen ausgestattet werden können. „Man definiert die wichtigen Punkte im Gebäude – wie Toiletten oder Treppenaufgänge – und bringt dort einen Lautsprecher an“, erklärt uns die Beraterin. Jeder Lautsprecher hat eine Tonnachricht, die den Punkt beschreibt oder Anweisungen zur Orientierung gibt. Kommt die Person mit dem Pulsband in die Nähe des Lautsprechers, vibriert das Band und die Nachricht wird abgespielt. Wird sich ein solches System in der Schweiz durchsetzen? „In Israel ist der öffentliche Raum in weiten Teilen bereits entsprechend ausgestattet“, weiss die Beraterin. Die Niederlande fangen jetzt damit an. Man wird sehen.
Neben den Anbietern für Hilfsmittel sind auch Organisationen vor Ort, die Ausbildungen oder Versicherungen anbieten, die sich auf eine blinde oder sehbehinderte Zielgruppe ausgerichtet haben. Während der drei Messetage läuft auch das SightCity Forum mit Vortrags- und Diskussionsprogramm. Über Krankheitsbilder wie der Altersabhängigen Makuladegeneration, Glaukom und Netzhauterkrankungen informieren Patientensymposien, während Workshops speziell Mitarbeitende in Arztpraxen und Kliniken anspricht.
Auch die Braille-Branche schläft nicht
Bildschirme flimmern, Buchstaben scheinen auf, werden gezoomt und wechseln die Farbe: Bildschirm-Lesegeräte sind dominant vertreten auf der Sight City. Aber vor allem von der Braille-Abteilung ist meine Begleiterin fasziniert: Bei der Firma Harpo bleiben wir stehen und lassen uns über den neuen „Braille Pen Touch“ aufklären: Der Prototyp ist hier präsentiert; er soll Ende Mai in den Verkauf. Dank der Bluetooth-Tastatur kann man neu auch Notizen aufzeichnen und den Cursor steuern, so dass auch Korrekturen möglich sind. Ein paar Tische weiter ist die Konkurrenz nicht untätig: „Welche Tastatur wünschen Sie? Eine grosse, eine kleine? Für ein Handy oder Smartphone?“ fragt der Kundenberater von Freedom Scientific. Seine Braille-Tastatur kann, als Handtasche verpackt, schnell aufgeklappt werden, und die blinde Nutzerin navigiert dank Tasten mit Rillen und Dellen über den angeschlossenen i-Phone-Bildschirm. Der Cursor ist der Eingabemarkierung am Bildschirm nachgebildet und „steht“ jetzt blinkend zwischen den Buchstaben statt darunter. Dies macht das Löschen einfacher. Während ich daneben stehe und nur staunen kann, weil mir das elektronische Wundergerät wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheint, fühlt Regina Reusser die Tasten souverän und hat schon längst den Cursor gefunden.

Viele Besucher reisten mit ihren Blindenführhunden an. Für die Tiere ein intensiver Arbeitseinsatz.
Bild: Sight City
Überraschend viele Besucherinnen und Besucher sind mit Blindenstock und Hund angereist. Die SightCity ist eben in erster Linie eine Publikumsmesse, nicht nur eine Fachmesse. Und auf eine blinde und sehbehinderte Besucherschaft ist man eingerichtet: Unterlagen zur Messe in Braille sind an der Rezeption erhältlich, und das Wegeleitsystem ist barrierefrei gestaltet. Eine Atmosphäre, die auch für andere Veranstaltungen ein hervorragendes Vorbild wäre – nicht nur für die Ausstellung von Hilfsmitteln.

