Eine Frau sitzt an einem Tisch, der mit Dokumenten und Ordnern bedeckt ist. Hinter ihr sind zahlreiche Schachteln mit Materialien in einem Regal aufeinandergestapelt. Sie lächelt in die Kamera.
Sabine Braunschweig unterstützte den SZBLIND dabei, geschichtsträchtige Unterlagen zu retten.
Bild: SZBLIND

Ein Archiv erleichtert die Geschichtsschreibung für soziale Organisationen. Dank historischen Unterlagen können Organisationen die Gründung, Entstehung und Entwicklung nachvollziehen. Im Bereich des Sehbehindertenwesens sind in öffentlichen Archiven nur wenige Quellen erschlossen. Der SZBLIND hat sich in seinen Räumlichkeiten auf Spurensuche gemacht.

Von Sabine Braunschweig, Büro für Sozialgeschichte Basel

Soziale Organisationen erfüllen in unserer Gesellschaft eine unverzichtbare Funktion. Nicht nur wenn ein Jubiläum ansteht, ist es wichtig, ihre Aufgaben in der Vergangenheit und Gegenwart zu würdigen. Ein gut geordnetes und möglichst umfassendes Archiv trägt zu einer interessanten Geschichte bei. Dazu werden die historischen Unterlagen als Rohstoff bearbeitet und interpretiert. Dies ist das Handwerk von Historikerinnen und Historikern.
Geschichtsforschung ist Detektivarbeit. Genau so wie Privatdetektive und Polizeiangestellte Spuren sichern, um ein Verbrechen aufzuklären, widmen sich Geschichtsforschende der Spurensuche, um Erkenntnisse über die Vergangenheit zu erhalten. Am SZBLIND-Hauptstandort in St. Gallen sind vor kurzer Zeit Unterlagen erschlossen worden, die nun zur Geschichtsschreibung im Sehbehindertenwesen beitragen.

Die Bedeutung von Archiven
Archive, Bibliotheken und Museen sind die wichtigsten Aufbewahrungsorte für historische Quellen. Während in Bibliotheken Bücher lagern und in Museen Objekte gesammelt werden, dienen Archive der Aufbewahrung von schriftlichen Quellen sowie von Bild- und Tondokumenten.
Der ursprüngliche Zweck von Staatsarchiven ist die Aufbewahrung von Verwaltungsakten, um politische Entwicklungen nachvollziehen zu können. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit soll für Fragen der Gegenwart fruchtbar gemacht werden.
Seit einiger Zeit wird erkannt, dass auch private Vereine für die Zivilgesellschaft relevant sind und ihre Unterlagen deshalb archivwürdig sind. Leider erhält die Archivierung der Unterlagen im Tagesgeschäft eine limitierte Priorität – nicht nur bei Vereinen, sondern auch bei anderen Organisationen innerhalb des Sehbehindertenwesens. Das ist nicht verwunderlich, weil das Engagement in erster Linie Menschen mit Sehbeeinträchtigung und deren Herausforderungen gilt.
Doch für die Geschichtsschreibung ist es bedauerlich, wenn das Archiv nicht gepflegt wird. Immer wieder passiert es, dass Archive aus Platzgründen, bei einem Umzug der Geschäftsstelle oder bei einem Wechsel aufgrund von fehlendem Fachwissen entsorgt werden. Viele Fragen über die Vergangenheit können dann nicht mehr beantwortet werden; Vermutungen, Gerüchte und Erinnerungen können nicht mehr am historischen Quellenmaterial überprüft, verifiziert oder falsifiziert werden. Das Verdienst von langjährigen Exponentinnen und Mitarbeitenden geht vergessen, wichtige Meilensteine fallen unter den Tisch.

Aufruf zur Archivierung
Archivieren heisst Fortwerfen mit Kriterien und Sachverstand. Es geht nicht darum, alles aufzubewahren. Es geht darum, die grundlegenden Unterlagen, die das Leben der Organisation widerspiegeln, zu archivieren. Dazu gehören Vereinsstatuten mit allen Änderungen, Jahresberichte, Protokolle aller Gremien, Korrespondenzen zu Sachgeschäften, Fotos, Filme und Objekte.
Archivieren ist eine professionelle Tätigkeit, die in einer Ausbildung gelernt werden kann. Fachwissen und sachliche Kriterien helfen zu entscheiden, was aufbewahrt wird und was fortgeworfen werden kann. Das gilt für analoge Archive in Papierform sowie für digitale Archive. Auch hier muss man wesentliche von unwesentlichen Daten unterscheiden, um nicht von Papierhaufen oder digitalen Mengen erschlagen zu werden.

Bis heute sind Sehbeeinträchtigung und Blindheit in der Geschichtswissenschaft kaum ein Thema. Das hat auch damit zu tun, dass wenig Quellen in öffentlichen Archiven greifbar sind. Vereine und Organisationen im Sehbehindertenwesen gilt es daher zu motivieren, ihre Archive zu retten, denn das nächste Jubiläum kommt bestimmt. Ihre Geschichte ist spannend und wichtig.


Vorgehen zur Archivierung von Quellen

  1. Abklären, ob das öffentliche Archiv am Geschäftssitz (Gemeinde-, Stadt- oder Staatsarchiv) die Unterlagen übernimmt und zu welchen Bedingungen.
  2. Langjährige und engagierte Exponentinnen und Exponenten anfragen, ob sie Unterlagen für das Archiv haben.
  3. Die Unterlagen nach professionellen Kriterien gemäss den Vorgaben des Archivs erschliessen, in säurefreie Mappen und Schachteln verpacken und ein Archivverzeichnis erstellen.

Die Historikerin und Archivarin Sabine Braunschweig steht interessierten Vereinen und Organisationen mit Rat und Tat gerne zur Verfügung. Weitere Informationen finden Sie unter: www.sozialgeschichte-bs.ch.