Das unbekannte Berufsleben
Über die berufliche Situation sehbehinderter Menschen ist zu wenig bekannt. Das muss sich ändern.
von Stefan Spring
Der Wunsch, in der Gesellschaft eine aktive Rolle zu spielen, ist eines der Grundbedürfnisse jedes Menschen. Und dazu gehört auch eine aktive Rolle im Berufsleben – nicht nur beim Eintritt in den Arbeitsmarkt, sondern auch im Laufe eines Arbeitslebens. Wenn nun Sehprobleme einsetzen, ist das für alle Beteiligten einschneidend. Überraschend ist, wie wenig wir über die heutige berufliche Situation sehbehinderter Menschen eigentlich wissen.
Der Eintritt in den Arbeitsmarkt ist schwierig. Über die Tücken der so genannten erstberuflichen Integration wissen wir heute relativ viel – doch wenig wissen wir darüber, was anschliessend passiert: Unter welchen Umständen und mit welchen Bedingungen können langjährige Mitarbeitende bei einer einsetzenden Sehbehinderung weiter beschäftigt bleiben? Wie kann eine drohende Ausgliederung aus der Arbeitswelt verhindert werden? Und noch weniger wissen wir über die vielen gesellschaftlich wertvollen Arbeiten ausserhalb des Erwerbssystems: über Familien-, Erziehungs- und Hausarbeit von blinden und sehbehinderten Menschen.
Sinnesbehinderung entstehen oft erst langsam
Die Integrationsdiskussion im Behindertenwesen läuft nicht so, als dass sie der speziellen Situation der Mehrheit sehbehinderter Menschen nützlich wäre. Sie geht meistens von Geburtsgebrechen und einer über Jahre hinweg stabilen gesundheitlichen Situationen aus. Dies ist aber bei vielen Menschen nicht der Fall. Fortschreitende oder rasch eintretende Sinnesschädigungen sind heute eine Realität – und führen zu Problemen, die sich nicht mit einer einmaligen Arbeitsplatzanpassung lösen lassen. Von den betroffenen Menschen und ihrem Arbeitsumfeld wird tagtäglich trotz aller vorhandenen Hilfsmittel viel verlangt. Diese Anstrengungen können Trauer auslösen und ermüdend wirken.
Während vieler Jahren wurde von den so genannten „Blindenberufen“ gesprochen. Heute merkt man, dass diese dem Arbeitsmarkt – sowohl die traditionellen, wie auch die modernen – laufend entgleiten. Die Arbeitswelt verändert sich schneller als es die Planung eines Berufslebens zulässt. Flexibilität und zahlreiche persönliche und soziale Fertigkeiten sind heute Trumpf.
Die dringlichsten heutigen Fragen
Im Sommer und Herbst vergangenen Jahres führte der SZB mit erfahrenen Fachpersonen aus Beratungs- und Ausbildungsstellen des Sehbehindertenwesens Gespräche über die heute dringlichsten offenen Fragen der beruflichen Integration von seh- und hörsehbehinderter Menschen durch. Im laufenden Frühling hat der SZB seinen Mitgliedsorganisationen und Partnern ein Projekt für eine grössere Studie zum Berufsleben vorgeschlagen. Diese haben positiv reagiert und nun stehen die weiteren Planungsschritten (wissenschaftliches Konzept und Finanzierung für eine umfassende Studie)
Wir möchten wissen, wie hoch der Anteil sehbehinderter Menschen ist, die in den verschiedenen Feldern des Arbeitsmarktes tätig sind. Wir möchten erfahren, wie diese Menschen mit ihrer Sehbehinderung umgehen, wie es ihnen gelingt, eine Arbeit zu erhalten und was vor, während und nach einem Stellenverlust aus ihrer Perspektive passiert. Denn nicht zuletzt ist es unser Auftrag, Grundlagen schaffen, wie das Sehbehindertenwesen berufstätige Menschen mit Sehbehinderung weiter unterstützen kann.
Stefan Spring ist Forschungsbeauftragter des SZB

