Erweitertes Curriculum Sehbeeinträchtigung – ein Beitrag zur Bildung für alle
Die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH) und der SZBLIND haben das Erweiterte Curriculum Sehbeeinträchtigung (ECS) erarbeitet. Es ist das Resultat einer zweijährigen Entwicklungsarbeit, an der über 55 Expertinnen und Experten von Schweizer Bildungsinstitutionen im Bereich Sehen aus allen vier Sprachregionen mitgewirkt haben.
von Viktoria Albert und Fabian Winter, HfH
Für Lernende mit Sehbeeinträchtigung umfasst schulisches Lernen mehr als die Aneignung der Inhalte des allgemeinen Lehrplans. Einerseits müssen sie alltägliche Fähigkeiten gezielt erlernen, die Menschen ohne Sehbeeinträchtigung meist beiläufig erwerben, etwa die Orientierung im öffentlichen Raum oder Lebenspraktische Fähigkeiten. Andererseits benötigen sie spezifische Kompetenzen im Umgang mit der Brailleschrift oder mit Access Technologien, um Zugang zu den Inhalten der Regelschullehrpläne zu erhalten. Ein besonderer Bildungsauftrag ergibt sich daraus.
In Deutschland, den USA und Grossbritannien existieren spezifische Lehrpläne, in denen dieser besondere Auftrag im Förderschwerpunkt Sehen beschrieben und legitimiert ist (Degenhardt et al. 2016; Hewett et al. 2025; Allman & Lewis, 2014). Ein entsprechendes Dokument sowie die Anerkennung dieses besonderen Bildungsauftrags fehlten bislang in der Schweiz. Das Entwicklungsprojekt „Erweitertes Curriculum Sehbeeinträchtigung“ (ECS) hat diese Lücke nun geschlossen. Das partizipativ angelegte Projekt bezog Erfahrungen und Fachwissen von Expertinnen und Experten im Bereich Sehen aus der ganzen Schweiz ein.
Mit Expertinnen und Experten aus der ganzen Schweiz entwickelt
In der ersten Projektphase wurde ein Literaturreview durchgeführt, das bereits bestehende spezifische Lehrpläne im Bereich Sehbeeinträchtigung miteinander verglich und zusammenfasste. Diese Übersicht wurde in der zweiten Projektphase fünfzehn Expertinnen und Experten aus Schweizer Bildungsinstitutionen mit dem Förderschwerpunkt Sehen vorgelegt. In drei anschliessenden Gruppentreffen diskutierten sie gemeinsam folgende Fragen: Welche Aspekte aus den bestehenden spezifischen Lehrplänen lassen sich auch auf die Schweiz übertragen? Wo braucht es Erweiterungen? Welche Anforderungen soll ein darauf aufbauendes Ressourcenmodell erfüllen?
Die Vorstellungen der Expertinnen und Experten deckten sich dabei stark mit den Projektzielen:
1. Das ECS beschreibt die spezifischen Anforderungen im Schwerpunkt Sehen und ist gleichzeitig anschlussfähig an die Lehrpläne der allgemeinbildenden Schulen.
2. Das ECS bietet Orientierung sowie einheitliche Standards für alle Bildungsinstitutionen im Bereich Sehen in der der Schweiz.
3. Das ECS ist an allen Schulorten anwendbar, sowohl in integrativen als auch in separativen Bildungssettings.
4. Das ECS richtet sich an alle Lernenden mit Sehbeeinträchtigung, einschliesslich Lernende mit Hörsehbeeinträchtigung oder Mehrfachbeeinträchtigung, und gilt für alle Altersstufen bis zum Übergang in den Beruf.
Das Projektteam arbeitete auf Grundlage der Ergebnisse aus den Gruppendiskussionen den Erstentwurf des ECS aus.
Was das ECS ausmacht: Struktur und Praxisnähe
Elf spezifische Bildungsbereiche wurden festgelegt (siehe unten). Innerhalb dieser Bereiche befinden sich Erläuterungen sowie spezifische Inhalte und Ziele, die in Anlehnung an die nationalen Bildungsstandards der Schweiz als Kompetenzen formuliert sind (EDK 2011). Zudem wurden Verantwortungsbereiche von Umfeld und Bildungsinstitutionen aufgenommen. Diese sollen verdeutlichen, dass gelingende Bildungsprozesse nicht allein in der Verantwortung der Lernenden oder der spezialisierten Bildungsinstitutionen liegen, sondern ein breites gesellschaftliches Umdenken hin zu barrierefreien und inklusiven Strukturen erforderlich ist. Im Sinne des Universal Design for Learning (UDL) müssen alle gemeinsam dafür sorgen, dass Barrieren in der Umwelt und im Lernen erst gar nicht entstehen. UDL wurde als Rahmenkonzept des ECS fest verankert.
Im Anhang des ECS wurde eine Sammlung von Lehrmitteln, Literatur und Diagnostikmitteln für jeden der elf Bildungsbereiche zusammengestellt. Sie bietet Fachpersonen Orientierung bei der Förderung spezifischer Kompetenzen und bei der Gestaltung des Unterrichts im Sinne des UDL. Damit trägt der Anhang wesentlich zur Praxisnähe des ECS bei und bietet insbesondere Berufseinsteigenden im Bereich Sehen eine wertvolle Orientierungshilfe.

Sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf sichtbar machen
Interkantonal bestehen nach wie vor grosse Unterschiede bei den Unterstützungsangeboten für Lernende mit Sehbeeinträchtigung. Um die Verhandlungen mit Kostenträgern transparent und nachvollziehbar zu gestalten, wurde eine Bedarfseinschätzung für sonderpädagogische Ressourcen im Bereich des Erweiterten Curriculum Sehbeeinträchtigung, die B-ECS, entwickelt. Mithilfe der B-ECS können Fachpersonen im Bereich Sehen einschätzen, welche Ressourcen und speziell ausgebildeten Fachpersonen für die Umsetzung des ECS bei einzelnen Lernenden erforderlich sind.
Mittels eines Formulars und einer Liste von Indikatoren pro Bildungsbereich können Fachpersonen so Bedarfe erfassen und begründen sowie erste Schwerpunkte für die anschliessende Förderplanung setzen. Auf diese Weise wird der Druck auf die Kostenträger erhöht, den ausgewiesenen Bedarf auch zu decken.
In der dritten und letzten Projektphase wurde das gesamte ECS weiteren 41 Expertinnen und Experten im Bereich Sehen aus der ganzen Schweiz zur Vernehmlassung vorgelegt. Sie prüften und bewerteten die folgenden Aspekte eingehend: Sind alle wichtigen spezifischen Kompetenzen enthalten? Sind Aufbau und Struktur des ECS nachvollziehbar? Können Fachpersonen sich vorstellen, das ECS im Alltag gewinnbringend zu nutzen?
Die Rückmeldungen werden derzeit detailliert ausgewertet und fliessen in die Endversion des Curriculums ein. Erste Stimmen fallen positiv aus: Das ECS stelle eine notwendige Ergänzung zu den bestehenden Lehrplänen dar und bilde eine wichtige Grundlage für die Bildungsarbeit mit Lernenden mit Sehbeeinträchtigung, so die Expertinnen und Experten. Es biete einen institutionsübergreifenden Rahmen zur Qualitätssicherung der Angebote im Förderschwerpunkt Sehen und sei zudem ein wertvolles Instrument zur Einarbeitung von Berufseinsteigerinnen und -einsteigern.
Wie das Projekt ECS in die Praxis kommt
Das ECS-Projekt wird durch den SZBLIND auf Deutsch, Französisch und Italienisch veröffentlicht. Geplant sind eine Online-Informationsveranstaltung zum ECS am 26. Mai sowie eine Fachtagung am 16. September 2026. Erste Bildungsinstitutionen im Bereich Sehen haben bereits begonnen, das ECS in ihr Schulprogramm zu integrieren. Die HfH wird zudem Weiterbildungen zum Einsatz des ECS an Schulen anbieten.
HfH Impuls «Erweitertes Curriculum für Kinder und Jugendliche mit Sehbeeinträchtigung»
Wann: Dienstag, 26. Mai 2026, 16.30–18.00 Uhr
Wo: Zoomkonferenz
Wer: Fachpersonen mit Schwerpunkt Sehen, Studierende, Leitungen Bildungsverwaltung und Politik, Interessierte
Sprache: Deutsch (weitere werden noch bekannt gegeben)
Anmeldung: Eine kostenlose Anmeldung wird bald über die HfH-Website möglich sein.
Fachtagung «Erweitertes Curriculum Sehbeeinträchtigung»
Wann: Mittwoch, 16. September 2026, ganztägig
Wo: Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH), Schaffhauserstrasse 239
Wer: sonder- und heilpädagogische Fachpersonen aus der Heilpädagogischen Früherziehung und Schulischen Heilpädagogik mit Schwerpunkt Sehen, schulische und nachschulische B&U-Lehrpersonen von visiopädagogischen Diensten, weitere pädagogisch-therapeutische Berufsgruppen, Leitungspersonen von Bildungsinstitutionen aus dem Bereich Sehen und und alle andere interessierten Fachpersonen
Sprache: Vorträge und Workshops werden auf Deutsch und Französisch angeboten.
Weitere Informationen folgen.
Literatur:
• Allman, C. B. & Lewis, S. (Hrsg.). (2014). ECC essentials: Teaching the expanded core curriculum to students with visual impairments. AFB Press, American Foundation for the Blind.
• Degenhardt, S., Gewinn, W. & Schütt, M.-L. (Hrsg.). (2016). Für die Handlungsfelder Schule, Übergang von der Schule in den Beruf und Berufliche Rehabilitation. Spezifisches Curriculum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung. BoD – Books on Demand.
• EDK – Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren. (2011, 16. Juni). Grundkompetenzen für die Schulsprache: Nationale Bildungsstandards.
• Hewett, R., Douglas, G., McLinden, M., James, L., Brydon, G., Chattaway, T., Cobb, R., Keil, S., Raisanen, S., Sutherland, C., Taylor, J. (2025). Curriculum Framework for Children and Young People with Vision Impairment (CFVI): Defining specialist skills development and best practice support to promote equity, inclusion and personal agency. RNIB.
• Winter, F., & Albert, V. (2026). Erweitertes Curriculum Sehbeeinträchtigung (ECS). Ein kooperatives Entwicklungsprojekt mit Forschungsanteilen der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) und dem Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen (SZBLIND).

