Hilfsmittel/Nachgefragt 2/2026
Sehen per Smartphone
Von Michel Bossart, Redaktion tactuel
Die App «Visionauta» versteht sich als visuelle Assistenz für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen. Entwickelt wurde sie vom brasilianischen Informatiker Jonathan Santos, der selbst blind ist. Seine Motivation formuliert er klar: «Ich habe die App entwickelt, die ich selbst brauche.»
Visionauta nutzt die Smartphone-Kamera, um Texte vorzulesen, Objekte zu erkennen oder Szenen zu beschreiben. Auch Banknoten lassen sich identifizieren, ebenso Farben oder verloren geglaubte Gegenstände. Ein Teil der Funktionen arbeitet offline, etwa das Vorlesen von Texten.
Santos orientierte sich dabei an alltäglichen Situationen. Im Zentrum stehen einfache, aber entscheidende Fragen: Was befindet sich vor mir? Wo befindet sich ein bestimmter Gegenstand? Welche Farbe hat ein bestimmter Gegenstand? Solche Situation stellten für viele Betroffene «reale, tägliche Barrieren» dar.
Im Unterschied zu Angeboten wie «Be My Eyes» setzt Visionauta auf Autonomie. Die App funktioniert ohne Unterstützung sehender Personen. Bestehende Lösungen betrachtet Santos nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Während «Be My Eyes» auf menschliche Hilfe setze, verfolge Visionauta das Ziel eines «vollständig autonomen visuellen Assistenten». Auch im Vergleich zu «Seeing AI» betont er den Anspruch, auf neue Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz rasch zu reagieren.
Die Verbreitung ist bislang noch begrenzt. Laut Santos zählt die App derzeit rund 450 aktive Nutzer sowie mehr als 8000 Downloads weltweit. Genaue Schwerpunkte nennt er nicht, verweist aber auf Rückmeldungen aus verschiedenen Ländern.
Auffällig ist die bisherige Beschränkung auf Android. Der Grund liegt weniger in einer strategischen Entscheidung als in der Biografie des Entwicklers: «Einfach, weil ich im Moment ein Android-Gerät nutze.» Eine iOS-Version sei geplant, sobald die technischen Voraussetzungen geschaffen seien.
Für den europäischen Raum ist die App zumindest teilweise vorbereitet. Visionauta unterstützt derzeit fünf Sprachen, darunter Französisch. Weitere Lokalisierungen sind vorgesehen. Nutzerinnen und Nutzer sollen sich aktiv an der Weiterentwicklung beteiligen können.
Unabhängige Tests liegen bisher kaum vor. Die Einschätzung stützt sich daher vor allem auf Angaben des Entwicklers. Das Konzept folgt einem klaren Ziel: mehr Selbstständigkeit im Alltag durch einen digitalen Assistenten, der visuelle Informationen in Sprache übersetzt.


