Visuelle Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (VVWS), auch ­bekannt als Cerebral Visual Impairment (CVI), bleiben im klinischen und schulischen Alltag häufig lange unerkannt und ohne Diagnose – obwohl ­betroffene Kinder deutliche Auffälligkeiten zeigen und in ihrem visuell überfordernden Alltag leiden. Ein aktuelles Ablaufschema des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen (SZBLIND) bietet Fachpersonen nun einen klar strukturierten Weg durch dieses komplexe Feld. Man könnte sagen: einen Faden der Ariadne durch ein interdisziplinäres Labyrinth.

Nahaufnahme der Hände von zwei Personen. Eine erwachsene Person zeigt einem Kind eine Tätigkeit mit verschiedenen farbigen Wollfäden.
VVWS/CVI erfordert die Verknüpfung verschiedener Fachrichtungen. / Bild: Daniel Winkler

Von Gisela Spiegel, Fachperson Low Vision und CVI SZBLIND

An der Entwicklung des Ablaufschemas VVWS/CVI waren mehrere Fachpersonen aus verschiedenen Disziplinen (Neuropsychologie, Ophthalmologie, Orthoptik, Visiopädagogik, Entwicklungspädiatrie) und Kantonen beteiligt, mit dem Ziel, vielfältige Wege zusammenzuführen und zu konsolidieren. Dabei wurde intensiv um eine Abgleichung kantonaler und institutioneller Unterschiede gerungen. Der daraus entstandene rote Faden stellt eine Empfehlung für ein gelingendes Vorgehen dar, muss jedoch von den Fachpersonen vor Ort mit den jeweiligen kantonalen Vorgaben abgeglichen werden. Das Schema ist auf der nächsten Seite als Abbildung dargestellt; die dazugehörigen Erläuterungen können online unter www.szblind.ch/ablaufschema nachgelesen werden. Es ist auf Deutsch und Französisch verfügbar.

Zwischen Sehen und Verstehen: Frühe Hinweise ernst nehmen
Kinder mit VVWS/CVI haben keine klassischen ophthalmologischen Erkrankungen – und doch verarbeiten sie visuelle Informationen anders. Sie erkennen Gesichter in Menschenmengen nicht, vermeiden visuelle Aufgaben oder nähern sich Objekten ungewöhnlich stark an. Häufig kompensieren sie durch Hören oder Tasten, leiden jedoch unter einer raschen visuellen Ermüdung. Solche Beobachtungen sind die ersten Fäden im diagnostischen Geflecht.
Besonders bei Risikogruppen – etwa frühgeborenen Kindern oder Kindern mit neurologischen Vorerkrankungen – ist Aufmerksamkeit gefragt. Hier verdichten sich Hinweise darauf, dass visuelle Auffälligkeiten eher die Regel als die Ausnahme darstellen.

In der griechischen Mythologie gab Ariadne ihrem Geliebten einen abgewickelten Wollfaden, der ihm den Weg aus dem Labyrinth des Minotaurus wies. Wie im Mythos führt auch bei VVWS/CVI kein geradliniger Weg zur Diagnose – viele Betroffene und Fachpersonen suchen lange nach passenden Zuweisungen. Denn bei dieser komplexen Sehbeeinträchtigung ist ein koordiniertes Zusammenspiel verschiedener Disziplinen erforderlich.

Am Anfang steht die augenärztliche Abklärung, ergänzt durch eine Erhebung des erweiterten orthoptischen Status. Bleiben Fragen offen, folgen Screenings und schliesslich neuropsychologische Untersuchungen. Beobachtungen aus der Visiopädagogik, Früherziehung sowie anderen bereits involvierten Fachdisziplinen tragen ebenso wie die Einschätzungen der Eltern zu einem Gesamtbild bei.

Die eigentliche Diagnose entsteht im Dialog zwischen Augenheilkunde und Neuropsychologie, gestützt auf medizinische Leitlinien und gegebenenfalls ergänzt durch neuropädiatrische Perspektiven. Der „rote Faden“ ist dabei die konsequente Orientierung an den funktionalen Einschränkungen im Alltag des Kindes.

Vom Verstehen zum Handeln: Individuelle Interventionen
Ist der Weg durch das diagnostische Labyrinth geschafft, beginnt die eigentliche Arbeit. Visiopädagogische Dienste übernehmen eine Schlüsselrolle: Sie übersetzen die Diagnose in konkrete Massnahmen für Schule und Alltag. Dazu gehören angepasste Lernmaterialien, strukturierte Umgebungen sowie der gezielte Einsatz von Kompensationsstrategien. Ergänzend können neuropsychologische Trainings oder ergotherapeutische Massnahmen die visuelle Verarbeitung fördern. Entscheidend ist, dass nicht nur das Kind, sondern auch sein Umfeld versteht, wie es sieht – oder eben nicht sieht. Die Wirksamkeit der Massnahmen wird regelmässig überprüft und angepasst. Die Fallführung muss dabei möglichst früh definiert werden, damit die verschiedenen Fäden zusammengehalten werden. Vor allem Pädiatrie und Visiopädagogik sind gefordert, einen engen Austausch zu pflegen. So entsteht ein dynamisches Netzwerk, das sich am Bedarf des Kindes orientiert und verhindert, dass es im Labyrinth der Zuständigkeiten verloren geht.

Das SZBLIND-Ablaufschema zeigt: VVWS/CVI erfordert keine Einzelperspektive, sondern die Verknüpfung verschiedener Fachrichtungen. Der Faden der Ariadne steht dabei sinnbildlich für strukturierte Prozesse, klare Kommunikation und gemeinsame Verantwortung. Nur so gelingt es, Kinder mit VVWS/CVI und ihre Familien sicher durch das Labyrinth der Fachbereiche zu begleiten – hin zu mehr Sicherheit und Orientierung auf der Suche nach Lösungen.

CVI-Prozess: ein interdisziplinärer Wegweiser des SZBLIND. Mehr unter: www.szblind.ch/ablaufschema